Alle 19 Mädchen und Jungen der Klasse 7b agieren in einem Rollenspiel - als Täter, Opfer, Zeugen, Polizei, Richter, Schöffen, Rechts- und Staatsanwälte. Ihnen beratend zur Seite sitzen allerdings gestandene Juristen.

In dem fiktiven Prozess geht es um einen erdachten Diebstahl des Handys einer Schülerin durch zwei Mitschülerinnen. Erdachter Tatort war am 18. Januar der Umkleideraum, Tatzeit ein erfundener Toilettenbesuch während des Sportunterrichts.

Die real unbescholtenen jungen Darsteller agieren mit ihren echten Namen und weiteren echten Personalien auf rechtspädagogischer Basis in dieser fiktiven Verhandlung. Die Vorsitzende Richterin am Landgericht, Sigrun von Hasseln-Grindel, klärt vor der ersten Zeugenaussage auf: "Zeugen haben die Wahrheit zu sagen, ansonsten werden sie bestraft." Angeklagte hingegen müssten sich nicht zu Vorwürfen äußern, wenn sie sich damit belasten.

Von diesem Recht machen die angeklagten Mädchen Joy und Elisa auf Anraten ihrer Verteidiger Gebrauch. Und eine zähe Gerichtsstunde beginnt. Denn Zeugen, wie die bestohlene Schülerin Kimberly, machen teils nur vage Aussagen. Selbst der ermittelnde Polizist tut sich schwer mit seinen Erinnerungen an die Beweisaufnahme vor gut drei Monaten. Schuldirektor Mohamed gar fallen seine eigenen Beobachtungen an jenem 18. Januar erst wieder ein, als ihm sowie den Verteidigern die Vorsitzende Richterin Einblick ins von ihm unterschriebene Ermittlungsprotokoll gewährt. Zwischendurch mahnt die Richterin: "Ein Zeuge darf nur sagen, was er selbst erlebt hat." Und: "Suggestive Fragen sind nicht erlaubt."

Alles scheint auf Freispruch der beiden Beschuldigten hinauszulaufen. Da bringt die Staatsanwaltschaft einen wichtigen Zeugen auf; einen Mitschüler. Er hat zu- und unauffällig ein Gespräch der beiden jetzt Angeklagten belauscht, als diese sich darüber freuten, nicht erwischt worden zu sein. Die Aussagen sind so gravierend, dass der Verteidiger nach Rücksprache mit seiner Mandantin erklärt, dass sie ihre Tatbeteiligung zugebe. Joy und Elisa (sie stand Schmiere) hatten mit dem Handydiebstahl Kimberly eins auswischen wollen. Zurückgeben des Handys war nicht möglich, weil die Diebin inzwischen selbst bestohlen wurde. Der Verteidiger schlägt einen Täter-Opfer-Ausgleich vor. Beide Seiten nehmen an. Rechtsanwalt Veiko England betont: ,,Es geht um Erziehung, nicht ums Strafen."

Die Auge-in-Auge-Entschuldigung für die Tat bringt einen Hauch Zivilcourage ins Spiel. Mehr wird der Königs Wusterhausener Prof. Dr. Hans Friesen von der BTU in einem weiteren Projekt-Kurs mit der Klasse 7b praktizieren. ,,In Form eines sokratischen Gesprächs'', kündigt er an. Mit überlegten Worten verbale und physische Eskalation zu vermeiden, ist dessen Anliegen.

Zum Thema:
Dem Stehgreifspiel Gerichtsversammlung in Cottbus folgt am 4. Mai eine reale Gerichtsverhandlung in einer Jugendstrafsache, bei der die Siebentklässler der Johann-Gottfried-Herder-Oberschule Königs Wusterhausen zuschauen werden. Beide Veranstaltungen sind Teil des im März begonnenen Anti-Gewalt-Projektes ,,Held oder Feigling" der Bürgerstiftung Königs Wusterhausen; Ziel das Entwickeln und Stärken von Zivilcourage bei Schülern. Der Landespräventionsrat Brandenburg fördert das Projekt. Kooperationspartner sind die Herderoberschule, Landgericht und Staatsanwaltschaft Cottbus, BTU Cottbus-Senftenberg, Arbeitsgebiet Kulturphilosophie, sowie Akademie für Rechtskultur und Rechtspädagogik.