Rolf Kuhn ist im Dezember 66 Jahre alt geworden. Mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land (2000 bis 2010) hat er die "intensivste Station" seines Arbeitslebens in der Lausitz verbracht. Danach kamen noch zwei Jahre, um mit wenigen Mitarbeitern den Erfahrungsschatz der IBA im Studierhaus Großräschen zu sichern. Jetzt geht er in den Ruhestand. Aber nur offiziell. Denn mit Rolf Kuhn zurückzublicken, heißt erst einmal, über die neuesten Projekte informiert zu werden.

"Ich habe einen Lehrauftrag an der BTU in Cottbus." Und schon ist Rolf Kuhn mittendrin, erzählt davon, dass er den Studierenden Wissen über die Planung von Anlagen zur regenerativen Energieerzeugung vermittelt. "Das wollte ich schon immer machen", sagt der studierte Gebietsplaner, der das Thema für "überfällig" hält. Bisher gehe es immer nur um Abstände zur Wohnbebauung. Kuhn will aber auch dahin kommen, dass über die Gestaltung der Anlagen, über das Einfügen in die Landschaft und darüber beraten wird, wie auch die Bürger zu den Gewinnern der regenerativen Energieerzeugung werden können. "Die Energieregion Lausitz", sagt Kuhn, "kann hierbei ein Vorbild werden." Und er schickt hinterher, dass er schon eine Idee für das nächste Semester habe.

Genauso, das ist Rolf Kuhn. So haben die Lausitzer den IBA-Geschäftsführer in mehr als einem Jahrzehnt kennen- und schätzen gelernt. Offenbar waren es auch seine Visionen, die das Kabinett von Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) am 30. März 1999 überzeugt haben, sich zu einer IBA in der Lausitz durchzuringen. Kuhn konnte immerhin von der Baggerstadt Ferropolis im Anhaltischen berichten, an der er als Direktor des Bauhauses Dessau direkt mitgearbeitet hatte. Er war aber auch volles berufliches Risiko eingegangen, hatte in Dessau nach zehn Jahren den lukrativen Direktoren-Job aufgegeben, um in die Lausitz zu wechseln.

Heute kann er sich und den politischen Entscheidern nur gratulieren, der "Zauberformel IBA" gefolgt zu sein. Für Rolf Kuhn, der vor Dessau auch in Berlin und Weimar gelehrt hatte, wurde daraus (s)ein "goldenes Jahrzehnt". Er habe sich seine Mannschaft aussuchen können, ohne dass Gesellschafter hereingeredet hätten. "Ich bin gerne zur Arbeit gegangen, weil ich mich auf die Leute gefreut habe", erinnert sich Kuhn. Und er habe eigene Ideen auf der mit 5000 Quadratkilometern einst größten Landschaftsbaustelle Europas umsetzen können. "Mindestens das Zehnfache im Vergleich zu Ferropolis."

Wenn Rolf Kuhn die zehn IBA-Jahre auch einen "Zeitraum traumwandlerischen Glücks" nennt, so musste er sich dennoch für so manche Vision als Spinner bezeichnen lassen. Es habe nicht nur Zustimmung zum Erhalt der Lichterfelder Förderbrücke F 60 gegeben, die längst als liegender Eiffelturm der Lausitz eine Erfolgsgeschichte schreibt. Um die schwimmende Tauchschule auf dem Gräbendorfer See zu Wasser zu lassen, seien vier "Elefanten-Runden" mit den Entscheidungsträgern notwendig gewesen. Ganze acht Jahre hat sich Kuhn für den Erhalt der Biotürme Lauchhammer eingesetzt. Um letztlich Gelder, die der Bergbausanierer LMBV für den Abriss einsetzen wollte, in die Sanierung und Verwaltung des Industriedenkmals umzuleiten - dazu gehörte viel diplomatisches und politisches Gespür.

Dass Kuhn mit der Stiftung Kunstgussmuseum eine Lösung anbieten konnte, führte letztlich zum Durchbruch. Eine Summe zwischen 200 000 und 300 000 Euro aus der Bergbausanierung reichte aus, um daraus über EU-Fördermittel rund eine Million Euro zu machen.

Ob dies heute alles noch derart möglich wäre, damit will sich Kuhn gar nicht beschäftigen. Er ist überzeugt, dass es nur diese eine Chance gegeben habe, der Bergbausanierung in der Lausitz ein Sahnehäubchen aufzusetzen. "Und diese Chance haben wir genutzt." Die drei Wettbewerbe zu den IBA-Terrassen Großräschen, zur Landmarke "Lausitzer Seenland" und zum Hafen Senftenberg hätten Architektur hervorgebracht, die dem Lausitzer Seenland ein neues Gesicht gebe.

Hier sieht er zumindest den IBA-Teil des Kabinettsauftrages vom März 1999 erfüllt. Regierungschef Stolpe hatte ihm ans Herz gelegt, den Grundstein für ein neues Image der Lausitz zu legen. Mit der größten künstlichen Wasserlandschaft Europas, die dazu im Inneren zehn Seen schiffbar miteinander verbindet, ist dies durchaus gelungen. "Die Menschen sind wie ausgewechselt", gibt Rolf Kuhn seine Eindrücke im Vergleich zur Jahrtausendwende wieder. Der IBA-Professor hält zudem an seiner Prognose fest, dass sich die neu geschaffenen weichen Standortfaktoren im nächsten Jahrzehnt spürbar auch auf die Wirtschaft auswirken werden.

"Dass der Senftenberger See boomt, liegt nicht allein an diesem See, sondern am ganzen Seenland", ist sich der gebürtige Thüringer sicher. Nicht umsonst wehe auf dem Campingplatz seit zwei Jahren die tschechische Fahne. Überall gebe es Anzeichen, dass die neue Landschaft angenommen wird: bei der Nachfrage nach Baugrundstücken für die Alma-Eigenheimsiedlung am Großräschener See, beim Interesse für schwimmende Architektur in Geierswalde oder bei Hotel- und Werftprojekten. "Die Häfen von Senftenberg und Großräschen werden beide Städte derart beeinflussen, wie es die IBA Emscher Park im Ruhrgebiet nie für Gelsenkirchen sein konnte", prophezeit Kuhn.

Er wird dies alles ganz aus der Nähe verfolgen. Denn Rolf Kuhn und seine Familie sind Lausitzer geworden. So wie bisher in der IBA-Geschäftsstelle und im -Studierhaus spielt sich die Entwicklung am Hafen Großräschen auch künftig vor seiner Haustür ab. Im Seenland gibt es für ihn 2013 aber einen besonderen Termin: "Ich bin so sehr neugierig auf die erste Schiffsdurchfahrt zwischen Senftenberger und Geierswalder See."

Zum Thema:
Rolf Kuhn ist von Beruf Städtebauer und Gebietsplaner und hat zunächst in Weimar und Berlin im akademischen Bereich gearbeitet. 1998 beendete er seine insgesamt zehnjährige Tätigkeit als Direktor des Bauhauses Dessau, um in Großräschen die Geschäftsführung der IBA-Vorbereitungsgesellschaft zu übernehmen. Von 2000 bis 2010 war er als Geschäftsführer der IBA Fürst-Pückler-Land tätig und steckte neben den IBA-Praxispartnern auch sein Team mit seiner visionären Begeisterungsfähigkeit an. Zwei Jahre lang war er mit der Liquidation der IBA betraut.