Die Biker des "MC Gremium" nennen sich die "Auserwählten". Mit Stolz tragen sie einen 1-%-Aufnäher: Erkennungszeichen für die Raubeinigsten in der Szene. Wie ein Netz hat sich die Organisation, die in Süddeutschland ihre Wurzeln hat, in den letzten Jahren über ganz Deutschland ausgebreitet. Auch in Thailand, Griechenland und Polen hat "Gremium" Ableger. Sieben Rats-Gruppen legen die Marschrichtung der etwa 400 Mitglieder fest.
Die Cottbuser haben sich offensichtlich inzwischen bewährt. Nach der Fusion mit dem "Berserker MC Spremberg" hat sich ihre Schlagkraft erhöht. Die Polizei zählt derzeit 30 bis 40 "Brüder" zu dem Club-Ableger, der von einem "Anwärter" zu einem Vollmitglied der streng hierarchisch organisierten Vereinigung aufgestiegen ist.
Bei der Cottbuser Polizei waren deren Mitglieder lange Zeit ein völlig unbeschriebenes Blatt. Die meisten von ihnen sollen sich als Türsteher in ostsächsischen Discotheken und Nachtclubs verdingt haben. Das Bundeskriminalamt rechnet "Gremium" indes den "gesetzlosen Motorrad-Banden" zu.
Kürzlich sprengten Beamte des brandenburgischen Landeskriminalamtes bei einer Razzia im Spremberger Club-Heim offenbar ein Deutschland-Treffen führender "Gremium"-Köpfe (die RUNDSCHAU berichtete). Dort soll es dem Vernehmen nach auch um Strategien und die Aufteilung künftiger Reviere gegangen sein. Berliner Ermittler kamen zu der Erkenntnis, dass der Club einen Ableger in Berlin plant.
Den verfeindeten, in der Hauptstadt agierenden "Bandidos" passt diese neue Konkurrenz aber augenscheinlich nicht. Was sie von ihr halten, haben sie nach Einschätzung des Landeskriminalamtes schon einen Tag vor der Razzia deutlich gemacht. Da sollen sie den designierten Berliner Präsidenten des "Gremium MC Cottbus" in dessen Tattoo-Studio in Berlin-Reinickendorf überfallen haben. Maskierte Männer hätten den 39-Jährigen bewusstlos geschlagen, nachdem sie ihm mit vorgehaltener Waffe angedroht haben sollen, ihn umzubringen, falls es zur Gründung eines "Gremium"-Ablegers in Berlin komme, so die Ermittler.
"Gremium" soll für diese Aktion Rache geschworen haben. Dem Landeskriminalamt liegen Hinweise vor, dass die Organisation darüber nachdenkt, die "Bandidos" zu bestrafen. Die Beamten nehmen diese Hinweise ernst.
Schon einmal hatte "Gremium" auf eine Auseinandersetzung mit einer verfeindeten Rocker-Gruppe mit Gewalt geantwortet. Damals hatten die Döbelner "Highway Wolves" (Autobahn-Wölfe) die Motorradwerkstatt eines "Gremium"-Bruders auseinandergenommen. Etwa ein Dutzend Maskierter marschierte daraufhin in das Clubheim der "Wölfe" und drosch mit Baseball-Keulen auf die sächsischen Provinzrocker ein. Sechs schwer Verletzte und einen Toten ließen sie zurück. Der Dresdner "Gremium"-Präsident Heiko R. hatte dem "Wölfe"-Chef mit einer Schrotflinte in den Bauch geschossen. Er verblutete.
Das damalige Rollkommando rekrutierte sich aus ostdeutschen "Gremium"-Ablegern. 25 Rocker nahm die Polizei in Dresden, Zwickau, Bautzen, Cottbus und Neubrandenburg fest. Zunächst sagten sie vor Gericht kein Wort – bis der Dresdner Präsident Heiko R. den Schusswaffengebrauch auf seine Kappe nahm. Immer wieder stoßen die Beamten bei ihren Ermittlungen in der Rocker-Szene auf eine Mauer des Schweigens.
Auch dem designierten Berliner "Gremium"-Präsidenten soll bei der Vorwarnung eingeprügelt worden sein, unter allen Umständen den Mund zu halten. Er hielt sich eisern daran, als ihn die Polizei verhörte. Die Spuren seines Martyriums an seinem Kopf und Körper waren aber unübersehbar. Und da die Rocker-Experten des LKA schon bei der Razzia in Spremberg auf Hinweise zu den "Bandidos" gestoßen waren, ermittelten sie die Schläger schnell.
Ende Januar schlug das Sondereinsatzkommando zu, durchsuchte elf Wohnungen der "Bandidos", nahm fünf Mitglieder, darunter den Präsidenten und den Vize-Präsidenten, fest. Beamte beschlagnahmten zudem Schlag- und Stichwaffen, eine Schreckschusspistole, Rauschgift, unverzollte Zigaretten und einen Scanner zum Abhören des Polizeifunks. Die Behörden hoffen, einem Rockerkrieg zwischen Berlin und Cottbus zuvorgekommen zu sein.
Ein Ermittler sagte indes der "Berliner Morgenpost": "Die lassen das nicht auf sich beruhen, schließlich geht es darum, das Gesicht zu wahren und Stärke zu zeigen." Vor allem soll aber auch die Vormachtstellung im kriminellen Milieu eine Rolle spielen.
Nach Angaben der Polizei betätigen sich Angehörige von Rockergruppen inzwischen verstärkt als Schuldeneintreiber, im illegalen Waffen- und Drogenhandel, stellen Räumlichkeiten für Skinhead-Konzerte zur Verfügung. Auch der "MC Gremium" ist schon mehrfach mit Rechtsextremen in Verbindung gebracht worden.
So vermerkt der brandenburgische Verfassungsschutz, dass im Spremberger Clubhaus des "MC Berserker" vor dessen Fusion mit den "Gremium"-Rockern verschiedene NS-Metal-Bands aufgetreten seien. Zum Abschluss sei auf vielfachen Wunsch der Frontmann von "Frontalkraft" auf die Bühne getreten und habe gemeinsam mit anderen Bandmitgliedern gespielt. "Bei dem Konzert waren 200 Angehörige der rechtsextremistischen Szene anwesend", schreiben die Verfassungsschützer. "Es wurde der Hitlergruß gezeigt und ,Sieg heil‘ skandiert."
Insider berichten, der Club in Spremberg sei aus der Glatzenszene der frühen 90er-Jahre entstanden. Der Cottbuser und der Dresdner "Gremium"-Ableger sollen Kontakte pflegen. Und hinter dem Pseudonym "Oswald" des amtierenden Dresdner Club-Präsidenten soll kein Geringerer als Andreas Pohl stecken.
Pohl war einer der Anführer der später verbotenen neonazistischen Nationalistischen Front (NF). Seinen Tarnnamen wählte er wohl nicht von ungefähr: Oswald Pohl war ein SS-Offizier und Kriegsverbrecher, den die Alliierten 1951 hinrichteten.
Andreas Pohl soll aus Berliner Skinheadkreisen stammen, war Bandmitglied bei "Kraft durch Froide" und tauchte spätestens Ende der 90er-Jahre beim "Clan MC" in Dresden auf, aus dem der "Gremium"-Ableger hervorgegangen ist. Die Polizei hatte die berüchtigten Clan-Rocker damals schnell mit Rotlichtkriminalität, aber auch mit "Neonazi-Konzerten" in Verbindung gebracht.
Der Berliner Verfassungsschutz warnt vor unheiligen Allianzen, die durch diese Kontakte entstehen könnten. Militante Rechtsextreme könnten durch die Rocker-Banden möglicherweise leichter an Waffen kommen, heißt es. Bei "Freien Kameradschaften" sind in den letzten Monaten vermehrt Waffen und Sprengstoffe gefunden worden.
In Berlin soll "Gremium" der berüchtigten Rockergruppe "Hells Angels" nahe stehen. Die "Bandidos" hatten sich mit den "Höllenengeln" in den 90er-Jahren schon einmal einen blutigen Krieg in Skandinavien geliefert: Selbst Panzerfaustraketen setzten sie dabei ein. Die Bilanz: Mehr als 80 Mordanschläge mit elf Toten und 96 Verletzten.