Es war ein schwerer Schlag für die Hells Angels und die Gremium-Rocker (siehe Infokasten), als am Mittwoch Hunderte Beamte in einer bundesweiten Aktion Vereinsheime und Wohnungen der beiden Clubs durchsuchten. Die Beamten handelten auf Anweisung der Innenminister des Bundes und der Länder Brandenburg und Sachsen. Die Minister verboten den Regionalverband Sachsen des Gremium MC und die Hells Angels in Frankfurt (Oder).

Wie ein Mitarbeiter des Landeskriminalamtes (LKA) Sachsen bestätigt, war die konzentrierte Aktion eine direkte Antwort auf die brutalen Machtkämpfe der beiden Rocker-Gangs, bei denen im Dezember 2011 ein unbeteiligter Jugendlicher fast getötet wurde und nur durch eine Notoperation überlebte. Die Köpfe dieses Anschlags werden in Gremium-Kreisen vermutet. Die mutmaßlichen Täter müssen sich derzeit vor dem Landgericht Cottbus verantworten. Der Junge war rein zufällig zwischen die Fronten geraten. Die Gremium-Rocker sollen ihn fälschlicherweise für einen Hells Angel gehalten haben. "Der Anschlag hat das Fass einfach zum Überlaufen gebracht", so der LKA-Mitarbeiter auf RUNDSCHAU-Nachfrage.

Bei den Landeskriminalämtern wird statistisch erfasst, bei welchen Straftaten Verdächtige ermittelt werden, die den polizeilich relevanten Rocker-Clubs angehören. In Brandenburg sind das Hells Angels, Bandidos und Gremium MC. In der Statistik wird unterschieden zwischen allgemeiner Kriminalität und Straftaten, die einen direkten Bezug zu einem Club haben, wie gewalttätige Auseinandersetzungen. "Wie groß das Dunkelfeld ist, wissen wir natürlich nicht", sagt Frank Adelsberger, Dezernatsleiter Organisierte Kriminalität beim LKA Brandenburg.

Bei der allgemeinen Kriminalität wurden 2012 insgesamt 255 Straftaten registriert, davon 53 Rauschgiftdelikte, 49-mal Körperverletzung, 27 Verstöße gegen das Waffengesetz und 17 Fälle von Erpressung. Gegenüber 2010 und 2011 gibt es eine fallende Tendenz. Bei den Straftaten, die direkt mit einem Rockerclub zusammenhängen, gab es im vorigen Jahr 32 Einträge. 2011 waren es noch 51. Also auch hier fallende Tendenz. Unter den Clubs waren die Hells Angels 2012 in Brandenburg die Rocker, die am häufigsten als Tatverdächtige ermittelt wurden.

Ein ähnliches Bild in Sachsen. Obwohl sich das LKA im Freistaat zugeknöpfter gibt. "Die Auswertung läuft noch. Viele Verfahren sind noch nicht abgeschlossen", sagt Tom Bernhardt, LKA-Sprecher in Sachsen. Im Freistaat wurde 53 Personen das Verbot des Bundesinnenministers überbracht, zahlreiche Wohnungen und Clubhäuser, vor allem in Dresden, Chemnitz und Plauen durchsucht. Es wurde Vereinsvermögen sichergestellt, Dutzende Dinge beschlagnahmt. Darunter 17 Motorräder, 24 Computer, 185 Datenträger, Sprengkörper, Hieb- und Stichwaffen, rechtsextremistisches Material sowie verschiedene Stoffe, die unter das Betäubungsmittel- oder Arzneimittelgesetz fallen.

Vereins-Verbote können nach dem Vereinsgesetz vom Bundesinnenminister oder den Innenministern der Länder ausgesprochen werden. Hat der Verein in den letzten sechs Monaten vor einem Verbot Vermögenswerte beiseitegeschafft, so werden auch diese laut Gesetz beschlagnahmt. Mit der Auflösung sind jede Vereinstätigkeit und die Bildung von Ersatzorganisationen untersagt. Vereinskennzeichen dürfen nicht mehr in der Öffentlichkeit verwendet oder verbreitet werden. In Cottbus hatte sich vor vier Monaten die Ortsgruppe der Hells Angels selbst aufgelöst. Es wird vermutet, dass sie einem Verbot mit all den möglichen Konsequenzen zuvorkommen wollten.

Das Bundeskriminalamt geht von bundesweit etwa 8000 Rockern aus. Einzelne Mitglieder oder ganze Gruppen werden immer wieder mit der organisierten Kriminalität in Verbindung gebracht. Vor Gerichten müssen sie sich wegen Drogenhandels, Waffenbesitzes, Beihilfe zur Prostitution oder Gewalttaten verantworten. Mehrere Ortsgruppen wurden als kriminelle Vereinigungen in der Vergangenheit verboten. Die Polizeiaktion gegen Gremium Sachsen und Hells Angels in Frankfurt (Oder) war die größte Razzia gegen Rockerklubs, die es je in Ostdeutschland gegeben hat.

Da das Vereinsrecht in Deutschland ein hohes Gut ist, ist es aber extrem schwierig, solche Verbote durchzusetzen. "Sie müssen erstmal nachweisen, dass Taten einzelner Personen im Auftrag einer Organisation ausgeführt wurden", erklärt ein Mitarbeiter des Landeskriminalamtes Sachsen.

Zum Thema:
Die Rockergruppen bezeichnen sich selbst als Outlaw-Motorcycles-Gangs. Zu den untereinander verfeindeten Clubs gehören Hells Angels, Gremium, Bandidos, Mongols und Outlaws. Hells Angels: Sie gelten als mächtigster und mitgliederstärkster Rockerclub der Welt. Die "Höllenengel" wurden 1948 von Kriegsveteranen in Kalifornien gegründet. Der Name stammt von einer Bomberstaffel. Ihr Emblem ist der geflügelte Totenkopf. Aus der Gruppe von Harley-Davidson-Fans wurde eine straff geführte Organisation mit Mitgliedern in rund 30 Ländern. Der erste deutsche Ableger entstand 1973. Heute zählen die Hells Angels in rund 50 deutschen Charters schätzungsweise 1000 Mitglieder. Gremium Motorcycle Club: Der 1972 in Mannheim gegründete Club gilt als mitgliederstärkste deutsche Rockervereinigung mit schätzungsweise allein rund 2000 "Members" in der Bundesrepublik. Ende der 90er-Jahre expandierte der Club und zählt heute rund 140 Chapter in etwa zehn Staaten.