Robert Biedron stellt schon mal eine kleine Regenbogenflagge auf sein Abgeordnetenpult im polnischen Parlament. Der 38-Jährige gehörte zu den Gründern der Kampagne gegen Homophobie, die seit 2001 für die Rechte der polnischen Schwulen und Lesben kämpft. Im Sejm ist er der einzige offen schwule Abgeordnete. Nun will er Polens erster offen schwuler Bürgermeister werden. Bei den Kommunalwahlen am 16. November kandidiert Biedron unter dem Motto "Endlich Veränderung" im nordpolnischen Slupsk, als einer von acht Kandidaten. Manche Politik-Experten sind skeptisch. "Die Gesellschaft ist noch nicht bereit für das Coming Out von Politikern", zeigte sich der Politologe Jaroslaw Och im Fernsehsender TVN 24 überzeugt. "Die sexuelle Orientierung sollte keine Bedeutung haben", betonte die Soziologin Marta Abramowicz. Doch zugleich schränkte sie ein, dass das Thema Homosexualität in Polen zu vielen Kontroversen führt.

Ein Bekenntnis zur eigenen Homosexualität schade Politikern, ist auch Radomir Szumelda von der liberalkonservativen Regierungspartei Bürgerplattform (PO) überzeugt. Szumelda, ein Kommunalpolitiker, outete sich vor zwei Jahren. Seitdem sei sein Leben "tausendmal schwieriger", sagte er in einem Interview.

Biedron selbst spielt die Debatte über seine Chancen als Homosexueller herunter. "Es ist heute nichts Außergewöhnliches mehr, wenn jemand homosexuell ist", meint er und fügt in Anspielung auf den ersten bekennenden schwulen Stadtrat in San Francisco hinzu: "Die Zeiten eines Harvey Milk sind vorbei."

Der Abgeordnete der Linkspartei Twoj Ruch setzt sich seit Langem für die Einführung eines Partnerschaftsgesetzes in Polen ein. Im Wahlkampf in Slupsk will Biedron vor allem über ungelöste Energieprobleme der Region, Bürgernähe und Sparzwänge der Stadt mit 100 000 Einwohnern reden.

Seit der Politiker mit dem verschmitzten Lächeln vor drei Jahren ins Parlament gewählt wurde, wurde sein Abgeordnetenbüro schon mehrfach mit Schmäh-Graffiti beschmiert.

Doch einiges hat sich in den vergangenen Jahren auch im katholisch-konservativ geprägten Polen verändert. Die "Parada Rownosci", die polnische Variante des Christopher Street Day, braucht zwar nach wie vor Polizeischutz, doch die Organisatoren müssen nicht mehr vor Gericht ziehen, um sich ihr Demonstrationsrecht zu erkämpfen. Die Zeitschrift der Stiftung "Replika" rief Kommunalpolitiker auf ihrer Facebook-Seite auf, sich zu outen - und bis Dienstag stellten fast 30 schwule und lesbische Rathaus-Kandidaten ihre Bilder auf die Webseite. "Ist das der Biedron-Effekt?", fragen polnische Medien.

Bei der Stiftung selbst herrscht nicht nur Euphorie: Angesichts der mehr als 240 000 Kandidaten bei den Kommunalwahlen gibt es nach statistischer Wahrscheinlichkeit sehr viel mehr schwule und lesbische Kandidaten, die nach wie vor die Konsequenzen eines Bekenntnisses zu ihrer sexuellen Orientierung fürchten.

Denn von allgemeiner Akzeptanz in der polnischen Gesellschaft kann noch keine Rede sein. Das wurde erst jetzt wieder deutlich, als die Ausstrahlung eines Fernsehspots zugunsten eines Partnerschaftsgesetzes Beschwerden beim Fernsehrat nach sich zog. Katholische Medien sprachen von "Abartigkeit im öffentlichen Fernsehen" - in dem Spot werden Alltagsszenen eines lesbischen Paares gezeigt.

Sollten die Kommentare und Abstimmungsergebnisse eines Internetportals zu den Kommunalwahlen zutreffen, wird es am 16. November in Slupsk nicht heißen: schwuler Bürgermeister - na und? Der konservative Kandidat Ryszard Bogusz liegt mit knapp 43 Prozent Zustimmung klar vorne in der Wählergunst. Doch immerhin - mehr als 29 Prozent wollen Robert Biedron wählen.