Lars Strahl runzelt die Stirn. "In acht Jahren hätte hier mehr passieren müssen", lautet das Fazit des Stralsunder Jungunternehmers über die Arbeit der rot-roten Landesregierung. Dann macht er seine eigene Bilanz auf. Der gebürtige Lausitzer kam in der Wendezeit nach Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern. Mittlerweile gehören ihm zwei Restaurants, darunter der Hansekeller, ein urgemütliches Backsteingewölbe, das wegen seines enormen Sanierungsbedarfs schon unwiederbringlich verloren schien. Rund 20 Jobs hat er insgesamt geschaffen. Sogar die Gattin des US-Präsidenten wurde von Strahl bewirtet, als die Bushs im Juli auf Einladung Angela Merkels die Stadt am Rügendamm besuchten. Stolz klingt durch, wenn der Unternehmer davon erzählt.
Strahls Macher-Mentalität ist nicht gerade typisch für den Menschenschlag zwischen Ostsee und Müritz. Am 17. September sollen hier die Bürger einen neuen Landtag wählen. Doch die Wahlkämpfer aller etablierten Parteien beklagen unisono eine destruktive Stimmung nach der Devise, egal, wer vorn dran ist, es ändert sich ja doch nichts. Schon seit Jahren streitet sich das Land bei der Arbeitslosenrate mit Sachsen-Anhalt um den letzten Platz im Bund. Fast jeder fünfte Erwerbsfähige ist ohne Job. Zwar kann man zunehmend als Urlauberdomizil punkten. Aber der herrliche Ostsee-Strand wiegt die schwache Wirtschaftsstruktur nicht auf. Rund 200 000 Menschen haben das Land seit 1990 verlassen. Jürgen Seidel, ein sympathischer 58-jähriger Landrat, der eher notgedrungen in die Rolle des CDU-Herausforderers von Ministerpräsident Harald Ringstorff schlüpfte, sieht das Übel naturgemäß in der SPD-PDS-Regierung. "Rot-Rot erzeugt ein Klima, dass es nicht besser geht, und dass wir uns auf der unteren Skala einrichten." So manövriere man sich nur ins Abseits, kritisiert Seidel.

"Das Klima ist rauer geworden"
Im scharfen Kontrast dazu wirbt Amtsinhaber Ringstorff mit dem Slogan "Den Erfolg fortsetzen". Gleichwohl ist der 66-jährige Sozialdemokrat weit davon entfernt, die Schweriner Regierungskoalition in rosigen Farben zu malen. Zur internen Ernüchterung trug vor allem der Streit über eine umfassende Verwaltungsreform bei. "Das Klima ist rauer geworden", heißt es auch bei der Landes-PDS. Schon überlegt Ringstorff, nach der Wahl zu sondieren, "mit wem man am meisten von seinen eigenen Vorstellungen durchsetzen kann". Beide Regierungsparteien verzichten denn auch im Wahlkampf auf eine Koalitionsaussage. Der Entschluss entspringt freilich taktischem Kalkül. Ringstorff dient die subtile Drohkulisse eines Zusammengehens mit der CDU zur Disziplinierung der Linkssozialisten. Und der PDS wiederum kommt die vermeintliche Unabhängigkeit zupass, um ihr Image eines allzu braven Juniorpartners abzusch*amp *uuml;tteln. Nach den neuesten Umfragen hätten SPD und PDS jedenfalls eine solide Mehrheit von zusammen 54 Prozent. Union und FDP kommen lediglich auf 36 Prozent. Dabei könnten die Liberalen zum ersten Mal seit 1990 wieder die Fünf-Prozent-Hürde schaffen.

Starke NPD befürchtet
Der wohl größte Unsicherheitsfaktor bleibt aber die Wahlbeteiligung. Nach einer kürzlichen Erhebung wollen lediglich 37 Prozent der Nordostdeutschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Die schwache Resonanz hat auch damit zu tun, dass die Landtagswahl erstmals zeitlich getrennt von der Bundestagswahl stattfindet. Darüber waren anfangs alle Parteien im Land froh. Die Erwartung, nun gebe es kaum noch bundespolitische Überlagerungen, ist jedoch der Befürchtung gewichen, dass die rechtsradikale NPD vom allgemeinen Desinteresse profitiert und ähnlich wie vor zwei Jahren in Sachsen auch das Schweriner Parlament erobert. Zurzeit liegt die NPD bei vier Prozent. Aber ihr Potenzial wird auf neun Prozent geschätzt.
"Wir haben hier Regionen, in denen die NPD ungeniert durch Straßen marschiert und von den Einwohnern toleriert wird", weiß Karl-Georg Ohse zu berichten. Der Projektleiter beim regionalen Jugendhilfeverband RAA spricht von einer "langfristig angelegten Strategie" der Rechtsaußenpartei, die alles daran setze, mit seriös wirkenden Leuten ihr "Hau-drauf-Image" abzuschütteln.
Auch SPD-Landesvater Ringstorff bereitet das mögliche Erstarken der NPD Sorgen. Für ein Tourismus-Land wie Mecklenburg-Vorpommern sei es schädlich, wenn die Partei ins Parlament käme. Gerade im Freizeit- und Erholungsbereich liegt für ihn das größte Zukunftspotenzial des Landes. Ringstorff träumt gar von einem "Florida des Nordens", weil sich mittlerweile auch zahlungskräftige Rentner in Mecklenburg-Vorpommern ansiedeln. Restaurant-Unternehmer Strahl hält das für eine verheerende Politik-Strategie: "Kein Wunder, wenn uns hier die Jugend davonläuft."