"Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch" - so beschrieb 1949 der Philosoph Theodor W. Adorno den Kulturbruch des nationalsozialistischen Massenmords. "Auschwitz" gilt als Inbegriff des Holocaust. Das Wort ist Chiffre für das unbeschreibliche Leid von Millionen Menschen. Siebzig Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers am 27. Januar 1945 steht Auschwitz noch immer für die Erfahrung mit dem Bösen schlechthin.

Zwar hat Adorno (1903-1969) seinen berühmten Satz später relativiert, ihn gleichzeitig aber verteidigt. Es stelle sich ja die Frage, ob man nach Auschwitz "überhaupt noch leben kann", schrieb er 1951. Dem jüdischen Philosophen, der als Emigrant nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehrte, ging es um die philosophische Reflexion über den Holocaust.

"Auschwitz" wurde bald auch zu einem Schlagwort, genauso etwa Hannah Arendts Begriff von der "Banalität des Bösen". Der Ort des Vernichtungslagers wird immer wieder für den tagespolitischen Streit und die intellektuelle Polemik eingesetzt.

Wissenschaftler und Schriftsteller haben nach Begriffen gesucht, um die Erfahrung der systematischen Ermordung von Millionen Menschen auf einen Nenner zu bringen. Doch kann der fabrikmäßige Tod der europäischen Juden überhaupt mit einem Begriff wie Auschwitz verstanden werden?

"Die wahnsinnige Tat, die mit dem Namen "Auschwitz" bezeichnet wird, lässt sich in Wahrheit gar nicht verstehen, sie lässt sich nur berichten", schrieb der Politikwissenschaftler Dolf Sternberger 1988 in einem "F.A.Z."-Beitrag über den sogenannten Historikerstreit.

Das Ringen um Worte - vor allem Auschwitz-Überlebende haben nach ihrer Befreiung versucht, ihre Erfahrungen in den Lagern zu Papier zu bringen. "Wir lagen in einer Welt der Toten und der Larven. Um uns und in uns war die letzte Spur von Zivilisation verschwunden", hielt der italienische Schriftsteller Primo Levi in seinem Bericht "Ist das ein Mensch?" fest. "Das Werk der Vertierung, von den triumphierenden Deutschen begonnen, war von den geschlagenen Deutschen vollbracht worden." Levi nahm sich 1987 das Leben.

Noch lange nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden in Deutschland die NS-Zeit und die Erinnerung an den Holocaust verdrängt. "Die Unfähigkeit zu trauern", nannten Alexander und Margarete Mitscherlich ihr Buch 1967 über den Umgang der Deutschen mit der NS-Zeit. Mit der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre begann die erste große Auseinandersetzung um die jüngste Vergangenheit.

"Das Auschwitz-Argument hatten wir besonders als schlagkräftige Waffe im Kampf gegen die Väter gebraucht", berichtete "Zeit"-Autor Ulrich Greiner. Die US-Serie "Holocaust" 1979 wühlte Millionen Menschen auf. "Es war, als hätten die deutschen Zuschauer zum ersten Mal begriffen, dass in Auschwitz wirkliche Menschen umgebracht worden sind", schreibt Greiner.

Von der Behauptung des CDU-Politikers Heiner Geißler, der Pazifismus der 30er Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht, bis zu Martin Walsers "Moralkeule" Auschwitz in seiner umstrittenen Rede in der Frankfurter Paulskirche - kaum ein Wort hat in der deutschen Nachkriegsgeschichte eine ähnlich starke Wirkung.

Mit Auschwitz, wo mehr als 1,1 Millionen Menschen ermordet wurden, haben Politiker auch politisches Handeln begründet. Der damalige Außenminister Joschka Fischer leitete damit die Wende in der bundesdeutschen Außenpolitik mit der Intervention im Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien ein. "Ich habe aus der Geschichte nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg, sondern auch: Nie wieder Auschwitz", sagte Fischer auf einem Grünen-Parteitag.

Wird eine solche Behauptung der Geschichte gerecht? Erinnerung lässt sich nicht verordnen, sagt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Zwar werde das Gedenken an die NS-Zeit immer wieder auf die Formel "Nie wieder Auschwitz!" gebracht. Wichtiger wäre aber die Einsicht, dass sich vieles doch wiederholt, etwa Ausgrenzung und Rassismus, sagte Assmann dem "Philosophie Magazin". Die NSU-Terrorzelle habe ein Jahrzehnt nur deshalb unbehelligt morden können, weil die Behörden, ihrem rassistischen Vorurteil folgend, die Opfer als Täter einstuften und die Mehrheit der Gesellschaft keine Empathie für die Toten aufbrachte, sagte Assmann.