Ulrich Arnts, der parteilose Amtsdirektor des Schenkenländchens, ist zufrieden. „Ich finde es gut, dass sich die Landesregierung so weit engagiert“ , sagt er. Man könne eine Amtsgemeinde oder einen Kreis mit so einem Problem nicht allein lassen, sagt er. Das Problem heißt Waldfriedhof Halbe und liegt mitten im Amt Schenkenländchen. Das Engagement der Landesregierung ist ihr Aufruf zum „Tag der Demokraten“ , dem sich alle im Parlament vertretenen Parteien angeschlossen haben, bis auf die rechtsextreme DVU.

Kesselschlacht mit 60 000 Toten
Doch eigentlich ist nicht der Waldfriedhof selbst das Problem, sondern das, was sich am Vortag des Volkstrauertages 2004 und in den Vorjahren dort abgespielt hat. Schwarz gekleidete Neonazis aus ganz Deutschland marschierten vor das Friedhofstor, um einen geschichtsverzerrenden Heldenkult zu veranstalten. Im vorigen Jahr stellten sich ihnen so viele Gegendemonstranten in den Weg, dass sie nicht bis zum Friedhof kamen. Die Wut der Neonazis darüber war groß. Doch diesmal droht ihnen, dass sie nicht mal in Sichtweite des Friedhofes kommen.
Rechtsextremisten haben ebenso wie die Demokraten bis 2020 für den Samstag vor dem Volkstrauertag Demonstrationen in der Lindenstraße angemeldet, die zum Friedhof führt. Der Polizeipräsident von Frankfurt (Oder), Klaus Kandt, hat in diesem Jahr den Demokraten die Lindenstraße zugesprochen. Begründung: Im vorigen Herbst und im Frühjahr 2006 hätten sich dort die Rechtsextremisten versammeln können. Versagt wurde den Neonazis auf Grundlage eines erst im Oktober beschlossenen neuen Versammlungsgesetzes auch eine Kundgebung auf dem Friedhofsvorplatz. Das bestätigte inzwischen das Verwaltungsgericht Frankfurt (Oder). Wenn das Brandenburger Oberverwaltungsgericht oder das Bundesverfassungsgericht diese Entscheidung bis zum kommenden Wochenende im Eilverfahren nicht noch kippen, dann bleibt den Rechtsextremisten nur der Bahnhofvorplatz von Halbe für ihren Aufzug. Marschieren könnten sie dann nur dreihundert M eter bis zum nächsten Kreuzung. Vor einem Jahr war die Wut der Rechtsextremisten über die Blockade der Gegendemonstranten schon so groß gewesen, dass einige Hundert versucht hatten, gewaltsam die Polizeikette zu durchbrechen.
Rund 60 000 Menschen kamen im April 1945 im Wald von Halbe bei der letzten großen Kesselschlacht des Zweiten Weltkriegs ums Leben: Soldaten, Zivilisten, Flüchtlinge. Statt in aussichtsloser Lage zu kapitulieren, wurden sie geopfert. 23 000 davon fanden auf dem Waldfriedhof ihre letzte Ruhe. Für die Neonazis sind vor allem die an den Kämpfen beteiligten Angehörigen der Waffen-SS von großer Anziehungskraft. Das sinnlose Sterben in den letzten Kriegstagen wird von ihnen zum Untergangsmythos eines „Kampfes gegen den Bolschewismus“ umgedeutet.
Anfang der 90er-Jahre entdeckten sie Halbe für ihren Heldenkult und zogen mit Trommeln und Fackeln über den Friedhof. Jahrelang hielten Versammlungsverbote danach den braunen Spuk fern, doch die Extremisten um den Hamburger Christian Worch nutzten alle rechtlichen Mittel, um wenigstens am Vortag des Volkstrauertages in Halbe zu marschieren. 2004 kamen sie damit bis vor das Friedhofstor. Doch gleichzeitig wuchs der Widerstand gegen dieses Treiben, das in inzwischen eine der wichtigsten Aktionen der rechtsextremistischen Szene bundesweit ist. 2004 kamen eintausend Gegendemonstranten nach Halbe. Im vorigen Jahr waren es schon doppelt so viele. Für das kommende Wochenende rechnet die Polizei mit rund 4000 Demokraten und 1500 Extremisten in Halbe, die von den Beamten auf Steinwurfweite getrennt gehalten werden müssen.
Neu in diesem Jahr ist, dass erstmals auch die Brandenburger CDU sich ganz klar an dem Bündnis der Demokraten beteiligt. CDU-Chef Jörg Schönbohm will ebenso in Halbe reden wie Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und andere Politiker. In den vergangenen Jahren hatte die CDU sich zurückgehalten, weil die Linkspartei ebenfalls beteiligt war. Mit der wollten die Christdemokraten nicht in ein Boot.

Bündnis der Demokraten
Das Demokraten-Bündnis gewinnt derweil von Tag zu Tag mehr Unterstützer. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) hat zur Teilnahme aufgerufen. Schüler in Lübbenau, Großräschen und anderen Orten der Lausitz haben Plakate für eine Menschenkette durch Halbe gemalt. Die Abgeordneten des Oberspreewald-Lausitz-Kreistages haben, bis auf die Vertreter der DVU, ihre Unterstützung erklärt. Verschiedene Organisationen, Kirchen und Gewerkschaften, Wohnungsbaugesellschaften und andere Firmen haben sich angeschlossen. Der Sänger Heinz-Rudolf Kunze wird am Samstag in Halbe auftreten.
Neonazis, Gegendemonstranten und Polizisten zusammen werden am Wochenende in Halbe vermutlich mehr als 7 000 Personen umfassen. Der Ort selbst hat 1300 Einwohner. „Da wird die Grenze der Aufnahmefähigkeit erreicht“ , sagt der Frankfurter Polizeipräsident Klaus Kandt. Auch Anna Spangenberg vom Brandenburger Aktionsbündnis gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, setzt langfristig nicht nur auf immer größere Demonstrationen. Das Aktionsbündnis war am Freitag mit dabei, als sich in der „Denkwerkstatt“ in Halbe eine Arbeitsgruppe bildete, die langfristige Perspektiven für das Gedenken an diesem Ort entwickeln soll. Mit am Tisch waren Vertreter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, eines lokalen Aktionsbündnisses, des Zentralrates der Juden und der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz.
Denn aufgeben werden die Neonazis diesen für sie so wichtigen Ort so schnell nicht. Mit verschiedenen Treffen bereiten auch sie sich auf das Wochenende vor. So trafen sich am Samstag im Vetschauer Ortsteil Suschow (Oberspreewald-Lausitz) rund 60 Anhänger der rechten Szene. Sie hatten unter einem Vorwand Räume in einer Gaststäte gemietet. Was als Weihnachtsfeier mit Kaffee und Kuchen angekündigt war, entpuppte sich als Vorbereitungstreffen auf Halbe. Auch für den in der Nazizeit begangenen „Heldengedenktag“ im März haben die Extremisten in Halbe für die nächsten Jahre schon Demonstrationen angemeldet. Im März 2006 waren 800 Neonazis bis vor das Friedhofstor marschiert, um die Blockade-Schlappe vom Vorjahr auszumerzen.