Die Richterin hatte eine schnelle und vorzeitige Scheidung einer Muslimin von ihrem Mann, der sie geschlagen haben soll, abgelehnt und festgestellt, dass es "keine unzumutbare Härte" sei, das Trennungsjahr abzuwarten. Sie berief sich dabei allerdings nicht auf deutsches Recht, sondern auf eine Sure des Korans. Im marokkanischen Kulturkreis des Paares sei das Züchtigungsrecht des Mannes gegenüber seiner Frau nicht unüblich, argumentierte die Richterin.

Deutsche marokkanischer Herkunft
Die Muslimin, eine Deutsche marokkanischer Abstammung, lehnte die Frankfurter Amtsrichterin schließlich als befangen ab - mit Erfolg: Ein anderer Richter gab ihrem Antrag inzwischen statt. Ob es denn sein könne, dass der Koran in Deutschland über dem Grundgesetz stehe, wurde Zypries gefragt. "Das tut er nicht", antwortete die Ministerin klipp und klar. "Man muss sich die Entscheidung mal durchlesen, dann wird man feststellen, dass auch diese Richterin wahrscheinlich nicht davon ausgegangen ist, dass der Koran über dem Grundgesetz steht. Das kann ich mir wenigstens schlechterdings bei einer deutschen Richterin gar nicht vorstellen."
Abgesehen davon ist schon die deutsche Übersetzung der betreffenden Koransure 4, Vers 34, umstritten. In einer Variante heißt es zwar: "Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen (. . .). Und jene, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet: Ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!" Andere Übersetzungen schreiben dagegen nicht "schlagt sie", sondern "straft sie" oder "trennt euch von ihnen". Ganze Bücher gibt es zur Auslegung dieser Sure.
Eine klare Position bezieht dabei der Zentralrat der Muslime in Deutschland. Der Islam verbiete Gewalt in der Ehe, und das Schlagen von Frauen sei auch im Islam "allemal ein Scheidungsgrund", hieß es. Die Richterin "hätte einfach das deutsche Zivilrecht anwenden müssen, da hätte es überhaupt keinen Widerspruch zum Islam gegeben".
Publik wurde die Entscheidung der Richterin kurz bevor sich das Bundeskabinett mit zahllosen Neuregelungen im Asyl- und Zuwanderungsrecht beschäftigt. Kommende Woche will die Regierung den rund 500 Seiten starken Gesetzentwurf auf den Weg bringen. Erst an diesem Mittwoch hatten die Innenexperten der Unionsfraktion noch einmal vor Parallelgesellschaften in Deutschland gewarnt und so die künftig verpflichtenden deutschen Sprachkenntnisse beim Ehegattennachzug verteidigt. Damit solle die Integration von Ausländern gefördert und vor allem die Rolle der Frauen gestärkt werden, hieß es.

Integrationsbemühungen torpediert
Hessens Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU) klagte gestern, die Entscheidung der Richterin torpediere alle Integrationsbemühungen. Und auch die deutsch-türkische Autorin und Soziologin Necla Kelek warnte vor einer "Gegengesellschaft". Die Richterin greife die Argumentation einiger Muslime auf, wonach der private Raum, zum Beispiel das Verhältnis zur Ehefrau, etwas sei, "in das sich der Staat nicht einzumischen habe. Dort ist die Frau Besitz des Mannes." Man müsse gleiches Recht für alle durchsetzen, "egal ob es sich um eine Muslimin oder um eine Christin handelt", sagte Kelek. "Alles andere ist Apartheid oder die Rechtsauffassung der Scharia."
Die Richterin bedauerte am Abend ihre Äußerung. Ein Gerichtssprecher erklärte, der Frau seien "Tragweite und Sprengkraft" ihrer Aussage nicht klar gewesen. Sie billige keinesfalls Gewalt in der Ehe.

Hintergrund Sure vier, Vers 34
 "Die rechtschaffenen Frauen sind demütig ergeben und sorgsam in der ihnen von Allah gebotenen Wahrung ihrer Intimsphäre. Diejenigen aber, deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet, warnt sie, meidet sie in den Schlafgemächern und schlagt sie." So heißt es in den meisten deutschen Koranausgaben im 34. Vers der vierten Sure. Über die Deutung der Koranstelle gehen auch unter Muslimen die Meinungen auseinander. Viele konservative Muslime sind der Ansicht, dass Sure 4,34 dem Mann das Recht einräumt, seine widerspenstige Frau im äußersten Fall zu schlagen. Dagegen lehnt eine Reihe muslimischer Theologinnen jegliches Vorrecht des Mannes zur Züchtigung seiner Frau ab - und sei es auch nur symbolisch mit einem Zahnholz.