Ein Gitterzaun, eine kleine Mauer und eine hohe Hecke schirmen das präsidiale Anwesen im Danziger Stadtteil Oliwa ab. Wachleute nehmen Gäste der Familie Walesa in Empfang. Vermutlich muss das so sein bei einem ehemaligen Staatschef. Und doch mag die Sperranlage nicht recht zu einem Mann passen, der für die Freiheit gekämpft hat und den Friedensnobelpreis trägt.

"Ich bin Revolutionär!" Auf diese Feststellung legt Lech Walesa bis heute Wert. Am Sonntag feiert er seinen 70. Geburtstag. Zu dem Jubelanlass werden wieder all die Bilder zu sehen sein, die jeder Pole kennt. Sie zeigen Walesa in all seinen Rollen: als Arbeiter auf der Danziger Lenin-Werft, als Anführer der Freiheitsbewegung Solidarnosc im polnischen Streiksommer 1980, als politischen Häftling während des Kriegszustandes, als Nobelpreisträger, als Strippenzieher am Runden Tisch 1989, schließlich als ersten Präsidenten des demokratischen Polen.

Zu sehen sein werden auch der tiefgläubige Katholik Walesa und der Familienvater, der acht Kindern das Leben geschenkt hat. Polens Star-Regisseur Andrzej Wajda hat pünktlich zum 70. Geburtstag sogar einen Film über den Polit-Star gedreht, Titel: "Walesa. Mann der Hoffnung." Der Name ist Programm. Doch auch Wajda ist es nicht gelungen, einen unverstellten Blick auf das Wesen dieses notorischen Krawallmachers zu werfen.

Die glorreiche Geschichte überstrahlt vieles. Und wenn ihn sein Heldentum nicht schützt, dann greift der passionierte Revolutionär zum Mittel der Provokation, um im Mittelpunkt zu stehen und sich zugleich abzuschirmen.

Schwule Abgeordnete sollten im Parlament "in der letzten Reihe sitzen, am besten abgetrennt durch eine Mauer", forderte Walesa zu Beginn dieses Jahres. "Der Herr Präsident ist ein Faschist", keilten die angegriffenen Homosexuellen zurück.

Walesa wusste gut, dass er mit dem Getto-Vergleich im katholischen Polen, das unter Schmerzen um mehr Liberalität ringt, zur gesellschaftlichen Spaltung beiträgt. Er wollte wie so oft herausfordern.

Politische Substanz findet sich bei Walesa selten. Das war auch der entscheidende Grund dafür, dass die Polen ihren Friedensnobelpreisträger 1995 nach nur einer Amtszeit aus dem Präsidentenamt jagten. Als er im Jahr 2000 noch einmal kandidierte, erhielt Walesa nur gut ein Prozent der Stimmen.

Es war eine Schmach, ein Schlag ins Gesicht dieses "eifersüchtigen Egomanen", wie ihn seine Frau Danuta bezeichnet hat. "Ich werde nicht mit dem Nobelpreis und all den anderen Auszeichnungen den Küchenkittel anziehen", giftete er öffentlich an die Adresse seiner Frau zurück. Aber auch das war wieder nur eine der ungezählten Provokationen, mit denen sich Walesa nach außen hin inszeniert.

Was am Ende bleibt, sind die Taten. An den historischen Verdiensten von Lech Walesa kann es keinen Zweifel geben. Der 87-jährige Oscar-Preisträger Wajda sagt: "Er ist ein Held seiner Zeit. Er brachte nicht nur die Freiheit nach Polen, er trug auch zum Fall der Berliner Mauer bei."

Begonnen hatte alles im August 1980. Damals rang der schnauzbärtige Arbeiterführer der sozialistischen Staatsmacht ein Abkommen ab, in der das Regime auf ein Stück ihrer Alleinherrschaft verzichtete und die Gewerkschaftsbewegung als unabhängig anerkannte. Es war der erste und womöglich wichtigste Sargnagel für den Kommunismus in Osteuropa - auch wenn das 1981 verhängte Kriegsrecht den Untergang des Regimes noch für knapp zehn Jahre verzögerte. Am Runden Tisch saßen sich ab Februar 1989 Walesa und die Emissäre des Kriegsrechtsgenerals Wojciech Jaruzelski gegenüber und handelten die friedliche Machtübergabe aus.

"Ich habe den Kommunisten bis zum Schluss nicht getraut", sagte Walesa einmal im persönlichen Gespräch. Mit diesem Argument begründet Walesa bis heute, warum er 1990 die Übereinkunft mit Jaruzelski kurzerhand aufkündigte und sich selbst zum Präsidenten wählen ließ. Er brüskierte mit seiner Entscheidung, eine Präsidentenwahl zu erzwingen, viele seiner Mitstreiter.

Allen voran war Tadeusz Mazowiecki enttäuscht, der im Sommer 1989 in Absprache mit Jaruzelski zum ersten nicht kommunistischen Premier seit dem Weltkrieg gewählt worden war. Walesa nannte Mazowiecki einen "anständigen Menschen", der aber "ein Formalist ist und unter allen Umständen sein Wort halten will".

Indirekt bestätigte Walesa damit, dass er selbst zu Grenzüberschreitungen fähig und bereit war. Wie weit er dabei ging, darüber streiten bis heute die Historiker.

Es gibt Hinweise darauf, dass Walesa als "IM Bolek" mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet haben könnte. Ende 1970 verhafteten Agenten des Inlandsgeheimdienstes SB Walesa. Ein Jahr saß der Rebell im Gefängnis - und unterzeichnete dort ein Papier, das die Stasi dazu veranlasste, ihn als IM zu registrieren. Walesa bestreitet vehement, jemals aktiv für den SB gearbeitet zu haben.

Der Revolutionär rückte die Dinge einmal mit den Worten ins rechte Licht: "Gewisse Leute hätten sich gern an meiner Stelle gesehen. Nun wollen diese komplexbeladenen Schufte mir mein Heldentum streitig machen."