Es klingt revolutionär, aber bei genauerem Hinschauen wirft die Ankündigung eher Fragen auf. Papst Franziskus erlaubt allen Priestern, während des bevorstehenden Heiligen Jahres Frauen von der "Sünde" der Abtreibung loszusprechen. Greift Franziskus eine weitere Bastion der katholischen Kirche an? Ist das kurz vor der Familiensynode im Oktober im Vatikan eine von Vielen erhoffte Öffnung der Kirche?

Die Abtreibung ist eine der schwersten Sünden in der katholischen Kirche. So schwer, dass sie automatisch eine Exkommunikation nach sich zieht. Das bedeutet, dass nicht nur die Frau, sondern auch der Abtreibungsarzt und der Partner, wenn er die Frau zur Abtreibung gedrängt hat, die Sa kramente nicht mehr empfangen dürfen. Und somit auch nicht mehr zur Beichte dürfen.

Eigentlich dürfen nur Bischöfe und besonders beauftragte Priester die Tatstrafe der Exkommunikation nachlassen. Vom "Drama der Abtreibung" spricht Franziskus und von einem "schwerwiegenden Übel". Viele Frauen erlebten diese Entscheidung als "Niederlage" und meinten, keinen anderen Ausweg zu haben. "Ich weiß um den Druck, der sie zu dieser Entscheidung geführt hat. Ich weiß, dass dies eine existenzielle und moralische Tragödie ist", heißt es in dem Schreiben für das Jubiläumsjahr, das diesen Dezember beginnt und unter dem Motto "Barmherzigkeit" steht. Man dürfe einem Menschen, der bereut, nicht die Vergebung Gottes versagen. "Die Priester mögen sich auf diese große Aufgabe vorbereiten und Worte der echten Annahme mit einer Reflexion zu verbinden wissen, die hilft, die begangene Sünde zu begreifen."

Das Thema weckt in Deutschland schmerzhafte Erinnerungen an den vom Vatikan erzwungenen Ausstieg aus der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung - das hatte der damalige Kardinal Joseph Ratzinger zusammen mit Papst Johannes Paul II. den Deutschen auferlegt. Eine große Mehrheit der Katholiken und auch viele Bischöfe hielten das für einen Fehler.

Kirchenrechtler sehen keine Revolution in den jetzigen Worten des Papstes. "Die Ankündigung geht meiner Meinung nach nicht sehr weit über die derzeit gegebenen Möglichkeiten hinaus", sagt Professor Georg Bier von der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwigs- Universität in Freiburg. Nach dem Kirchenrecht kann in Einzelfällen auch jetzt schon ein Priester im Beichtstuhl den Strafnachlass gewähren und die Absolution ohne vorherigen Amtsweg erteilen. Rein rechtlich müsste sich die Frau dann allerdings nachträglich noch einmal vom Bischof bestätigen lassen, dass sie nicht mehr exkommuniziert ist. "Die Abtreibung bleibt (in der katholischen Kirche) ein Straftatbestand, daran ändert sich nichts", sagt Bier. Die Ankündigung entspreche "dem Wunsch des Papstes, im Heiligen Jahr noch großzügiger die Sünder in ihrer Sündhaftigkeit anzunehmen".

Auch der Vatikan beeilte sich klarzustellen: Es sei keinesfalls eine Abschwächung der Bewertung, wie schwer die "Sünde" der Abtreibung sei, sagte Papstsprecher Federico Lombardi. Die Entscheidung sei eine "Ausweitung der Offenbarung der Barmherzigkeit", die das Leitmotiv des Jubiläumsjahrs ist.

Vom 8. Dezember bis 20. November 2016 werden dazu Millionen Pilger in Rom erwartet. Ihnen wird eine sonst verschlossene Pforte am Petersdom geöffnet. Pilger können dann ein Jahr lang durch Buße und Gebet den Ablass ihrer Sünden erlangen.

Papst Franziskus hat bisher keinen Zweifel daran gelassen, dass es mit ihm keine Diskussion zum Thema Abtreibung gibt. Der Schutz des menschlichen Lebens von der Zeugung bis zum Tod steht auch für den 78-jährigen Argentinier an oberster Stelle, so revolutionär und offen er manchen erscheinen mag.

Daher wird sich dabei auch nichts bei der Synode ändern, bei der Bischöfe aus aller Welt über Familienfragen wie zum Beispiel den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen diskutieren werden. Von Abtreibung ist im Vorbereitungsdokument nur am Rande die Rede.