An den weiß gekalkten Wänden hängen die Bilder von Gefolterten. In ihren Gesichtern spiegeln sich Angst, Schmerz und Entsetzen. Nur wenige Meter entfernt, in einem anderen Gebäude, lässt sich erahnen, was sie erleiden mussten. In schmalen Zellen stehen Bettgestelle mit Handschellen, daneben scharfe Folterinstrumente. "Tuol Sleng" in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh, das einstige Horror-Gefängnis, ist heute ein Museum. 30 Jahre nach dem Ende der Schreckensherrschaft der Roten Khmer beginnt die juristische Aufarbeitung der Völkermord-Verbrechen. Vier weitere AnklagenEin UN-gestütztes Tribunal wird am Dienstag den ersten Prozess eröffnen. Angeklagt ist Kaing Gueng Eev alias "Duch", der frühere Leiter des Folter-Gefängnisses "Tuol Sleng". Der zum Christentum Konvertierte war 1999 von Journalisten aufgespürt und schließlich inhaftiert worden. "Der Fall Duch ist insofern ziemlich einzigartig, da er seine Verbrechen gestanden und Reue gegenüber den Opfern und deren Familien gezeigt hat", sagt Richard J. Rogers, stellvertretender Chef-Verteidiger des Tribunals. Außer "Duch" wurden mittlerweile vier weitere Ex-Kader der Roten Khmer angeklagt, die jahrelang in Freiheit gelebt hatten. Von den Gräueln hätten sie nichts gewusst, behaupten sie. Es handelt sich um den damaligen Stellvertreter von Rote-Khmer-Chef Pol Pot, den "Bruder Nummer zwei" Nuon Chea, um den früheren Staatschef Khieu Samphan sowie um den ehemaligen Außenminister Ieng Sary und dessen Frau, Ex-Sozialministerin Ieng Thirith. Der Anführer Pol Pot starb bereits 1998. Während des Terrorregimes waren zwischen April 1975 und Anfang 1979 schätzungsweise 1,7 Millionen Kambodschaner ermordet worden - rund ein Fünftel der Bevölkerung. Im Januar 1979 hatte eine Invasion der vietnamesischen Armee die Herrschaft der lange von den USA und China unterstützen Roten Khmer beendet. Der Weg zur juristischen Aufarbeitung des Völkermordes war zäh: Im Juni 2003 einigte sich Kambodschas Regierung mit den UN nach fünfjährigen Verhandlungen auf die Errichtung eines Sondertribunals. Es ist der erste internationale Gerichtshof mit mehrheitlich einheimischen Richtern und Anklägern. Urteile aber können nur mit Zustimmung mindestens eines UN-Richters gefällt werden. Im Juli 2006 wurden die Juristen vereidigt, stritten anschließend aber lange über Verfahrensweisen. Kambodschas Regierung hatte zunächst darauf beharrt, dass einheimisches Recht vor internationalem gelten sollte. Kritiker monieren, dass sich die Errichtung des Tribunals vor allem deswegen verzögert habe, weil zwischen dem jetzigen Staatsapparat und den Ex-Kadern der Roten Khmer zu viele Verbindungen existierten. Bereits im Dezember 1998 waren die meisten Khmer-Rouge-Führer amnestiert worden. Aufarbeitung blockiertZum 30. Jahrestag des Sturzes von Pol Pot am 7. Januar 2009 warf die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" Kambodschas Regierung vor, die Arbeit des UN-gestützten Gerichtshofes zu behindern. "Nach 30 Jahren ist für die Verbrechen eines der blutigsten Regime des 20. Jahrhunderts noch niemand vor Gericht gestellt, schuldig befunden oder verurteilt worden", kritisierte Brad Adams, der für Asien zuständige Direktor der Organisation. "Das ist kein Zufall: Zuerst haben China und die USA alle Anstrengungen, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, blockiert, und im vergangenen Jahrzehnt hat Hun Sen alles getan, um die Justiz zu behindern." Regierungschef Hun Sen, selbst ein Ex-Offizier der Roten Khmer, der 1977 zu den Vietnamesen überlief, hat sich einmal sogar öffentlich darüber mokiert, wer eigentlich wofür vor Gericht gestellt werden solle. Während der zeitraubenden politischen Ränkespiele drohte den Anklägern die Zeit knapp zu werden. Der Prozessauftakt am Dienstag gegen Ex-Gefängnisleiter "Duch" gilt als Test - vor allem für die marode kambodschanische Justiz. Angehörige von Opfern sind dennoch zuversichtlich. "Dieses Gericht kann zwar keine Wunden heilen", sagt die Aktivistin und Anwältin Theary Seng, die durch das Regime ihre Eltern verlor. "Und doch ist das Tribunal notwendig, denn es ist ein Katalysator, der neue Diskussionen anstößt."