Bernhard-Kellermann-Straße in Senftenberg: Eine lange Menschenschlange bildet sich kurz vor 13 Uhr vor dem Eingang zum ehemaligen Kindergarten. Man sieht den Wartenden ihre Bedürftigkeit nicht an. Auch drei Männern nicht, die plaudernd im hinteren Drittel stehen. 53, 48 und 36 Jahre alt sind sie. Seit Januar, seitdem sie Arbeitslosengeld-II-Empfänger sind, stehen sie jeden Dienstag an, um sich ihre Einkaufstüte mit Lebensmitteln füllen zu lassen - für sich und ihre Ehefrauen. Die Männer haben früher mit der Braunkohleförderung ihr Geld verdient. Die Älteren als Maschinist und Baggerfahrer im Tagebau Klettwitz, der Jüngere in der Brikettfabrik „Sonne“ in Großräschen. „2000 war Schicht im Tagebau“ , erzählt der 53-Jährige. Bis 2002 waren er und sein Kollege zwei Jahre auf Montage in den alten Bundesländern, danach bis heute arbeitslos. Ihr 36-jähriger Leidensgefährte wurde 1995 gekündigt, als die Brikettfabrik ihren Betrieb eingestellt hat. „Über ABM“ , erzählt er, „hab' ich noch zweieinhalb Jahre Arbeit gehabt.“ Danach fand er nichts mehr. Mit Arbeitslosenhilfe kamen alle drei noch so einigermaßen hin. Als Arbeitslosengeld-II-Empfänger sind sie froh, dass es in Senftenberg die Tafel für Bedürftige gibt. „Hilft ein bisschen Geld sparen.“

Entlastung für den Geldbeutel
Vor der Tafel steht ein Kleintransporter. Tafel-Mitarbeiter tragen Kisten mit Kartoffeln, Paprika, Salat und Toast an den Wartenden vorbei ins Haus. Sylvia Peter dirigiert die Kistenträger: „Für die Tafel! Das kommt in die Oase!“ Oase„ „Unser Vorratsraum. Da lagern wir, was länger hält“ , erklärt die energische 49-Jährige. Wenig später gibt der erste Tafelbesucher seinen Beutel ab. Auch ein junges Pärchen versorgt sich. Er ist 27 Jahre, arbeitsloser Fleischer und seit Mai 2004 Arbeitslosengeld-Empfänger. Die 25-jährige Lebensgefährtin lernt in Senftenberg Koch. Beide haben eine zweijährige Tochter. Anders als die Männer vom Tagebau gehörte das Paar schon im vorigen Jahr zu den Tafel-Stammkunden. „Das ist einfach eine finanzielle Entlastung“ , sagt der Familienvater. Im Haushalt müsse nur mal was kaputt gehen, schon könne man das nicht mehr bezahlen. „Dann ist Pumpe.“ Mit dem Arbeitslosengeld II sei er nicht schlechter gestellt, weil er jetzt auch die Miete bezahlt bekommt.
Sylvia Peter könnte die Reihe der Tafelgäste-Schicksale fortsetzen. Sie rede viel mit den Leuten. „Das Quatschen ist für die meisten fast so wichtig wie die Tüte, die sie mit nach Hause nehmen.“ Die Pädagogin hat es von Berlin nach Senftenberg verschlagen. Seit sieben Jahren arbeitet sie bei der Tafel, die sie mitbegründet hat. Nacheinander hat der Förderverein integrative Sozialarbeit Außenstellen aufgebaut - in Lauchhammer, Altdöbern, Brieske, Ruhland, Klettwitz, Sedlitz und Bahnsdorf, im Januar auch in Ortrand. Dort hat die Tafel jede Woche zehn bis zwölf Neuankömmlinge. Insgesamt stieg die Zahl der Besucher seit Hartz IV um 200 auf 1200. Dahinter verbergen sich rund 4800 Personen, weil nur die wenigsten die Lebensmittel allein verzehren. Mit dem gestiegenen Bedarf kommen die Senftenberger klar - noch. 43 Geschäfte hat sich die Tafel als Spender erschlossen. „Da ist noch etwas Puffer“ , sagt Sylvia Peter.

Strategie für schlechte Zeiten
Ganz ähnlich ist die Situation in der Spremberger Tafel mit Außenstellen in Cottbus, Welzow und Luckau. Die Spremberger Tafel gibt es sogar ein Jahr länger als die Senftenberger. „Die großen eta blierten Tafeln haben es leichter, mit dem sprunghaften Besucheranstieg umzugehen“ , schätzt Tafel-Chefin Brigitte Fretwurst vom Al bert-Schweitzer-Familienwerk die Situation ein. 62 Geschäfte kooperieren mit der Tafel. Auch wenn seit Jahresbeginn die Besucherzahl um 150 auf 2200 gestiegen ist, leistet sich die Tafel Öffnungszeiten von Dienstag bis Freitag. Die Bedürftigen können sich an jedem dieser Tage Lebensmittel für einen Euro abholen. Brigitte Fretwurst hat sich aber schon Strategien für schlimmere Tage ausgedacht: „Entweder wir reduzieren die Öffnungstage oder die Bedürftigen dürfen nur noch ein bis zwei Mal die Woche kommen.“
Das ist bei kleineren Tafel, die es noch nicht so lange gibt, schon üblich. Dennoch werden die Tafel-Betreiber mit dem Besucherzustrom kaum fertig. Die evangelische Kirche in Finsterwalde „balanciert an der Grenze“ , sagt Pfarrer Klaus Geese. Statt 170 Bedürftige Ende vergangenen Jahres würden jetzt 220 versorgt. Es fehle an Lagerraum und Kühlfläche. „Auch kalkulieren die Großmärkte immer schärfer, so dass für uns weniger übrig bleibt“ , so Geese. Es gibt die Finsterwalder Tafel erst seit Mai 2004. Da war wenig Zeit, ein Spendernetz aufzubauen.
Noch dramatischer sieht es im sächsischen Weißwasser aus. Dort hat sich die Zahl der Bedürftigen-Pass-Inhaber für den Tafelbesuch mit Hartz IV von 85 auf 169 verdoppelt. Kamen 2004 vor allem Russlanddeutsche, verzeichnet Tafel-Chefin Annelies Langner von der Diakonie heute fast ebenso viele Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Wer in der Schlange hinten steht, bekommt nichts mehr, gesteht sie schweren Herzens ein. Dass Großmärkte knapper kalkulieren, bestätigt Annelies Langner. Einige Märkte würden überschüssige oder beschädigte Ware lieber an den Tierpark abgeben, weil der noch ein paar Euro zahlen kann. „Aber wer ist wichtiger: Tiere oder Menschen““
In Hoyerswerda kommen mittwochs und freitags statt 60 bis 80 Besucher im Jahr 2004 über 100. Eigentlich ist an beiden Tagen bis 15 Uhr geöffnet. „Zurzeit fertigen wir die letzten Bedürftigen nach 16 Uhr ab“ , sagt Starkfried Rostalski vom Verein zur beruflichen Förderung von Frauen. Zynisch fügt er hinzu: „Die Tafeln sind einige der wenigen Wachstumsbranchen.“ Schon jetzt kann es passieren, dass die Pakete in der Hoyerswerdaer Tafel schmaler ausfallen als im vergangenen Jahr. Wächst die Besucherzahl weiter, „geben wir Notpakete aus“ .

Bedürftigkeit nimmt zu
Dass die Tafeln noch weit mehr Zulauf bekommen werden, ist für Edith Franke keine Frage. Die sächsische Länderverantwortliche im Bundesverband der Tafeln malt ein düsteres Zukunftsbild: „Bedürftigkeit und Depression werden in einem Maß zunehmen, wie wir es bisher noch nicht kannten.“

Hintergrund Die Tafeln der Lausitz
  In Brandenburg gibt es 30 Tafeln für Bedürftige, im Landessüden in Bad Liebenwerda, Cottbus, Finsterwalde, Forst, Großräschen, Herzberg, Luckau, Peitz, Senftenberg, Spremberg und Welzow.
Sachsen bietet Bedürftigen 23 Tafeln an, davon in der Oberlausitz in Hoyerswerda, Weißwasser, Bautzen und Kamenz.