Nach Jahren des Verfalls kündet das Plakat von neuem Leben in einem der wertvollsten Chemnitzer Industriedenkmale, dem Poelzig-Bau. Das weitgehend unbekannte Gebäude des bekannten Architekten Hans Poelzig wurde 1927 gebaut - und nie vollendet. Nun ist Rettung in Sicht: Die Poelzig Bau Projekt GmbH plant auf dem Gelände Wohnungen, Büros und Freizeitangebote. Neun Architekturbüros bewerben sich darum, die ehemalige Textilfabrik auf moderne Weise zu ergänzen. Dunkle NatursteinfassadeWie ein Stumpf wächst der siebengeschossige Baukörper aus dem Kaßberg heraus. Die Giebelseite ist eine kahle Fläche mit vernagelten Fenstern, doch die Front zur Seitenstraße bietet eine ungewöhnliche Ansicht, die sich von der Backstein-Industriearchitektur ringsum abhebt: Gedrungene Bogenfenster werden von einer dunklen Natursteinfassade fast erdrückt. Den oberen Abschluss bildet ein zurückgesetztes Dachgeschoss. Hans Poelzig (1869 - 1936) hatte den Erweiterungsbau der damaligen Textilfabrik Goeritz monumental geplant.

"Poelzig interessierten nur große Bauten", sagt der Kunsthistoriker Hans-Stefan Bolz von der Universität Bonn. Beispiele dafür seien Poelzigs Umbau des Zirkus Schumann zum Großen Schauspielhaus und das Haus des Rundfunks in Berlin. Auch die Goeritz-Fabrik sollte etwas Großes werden. Das Unternehmen hatte sich mit Strümpfen, Handschuhen und Damenwäsche bis Mitte der 20er-Jahre in die erste Reihe deutscher Textiler vorgearbeitet und brauchte Platz. Erste Pläne von 1922 sahen ein mehr als 30 Meter hohes Gebäude vor, für das ein Teil der alten Bebauung hätte weichen müssen. Als Vorbild dienten Monumentalbauten der Antike und Palazzi der Renaissance. Der Architekt wollte der Maschinenarbeit im Industriezeitalter einen besonderen Rahmen geben. Erst nach mehreren Umplanungen, insbesondere in der Höhe, wurde Poelzigs Entwurf genehmigt. Gebaut wurden bis 1927 nur fünf Fensterachsen, "doch man ahnt das Monumentale. Man kann erkennen, wie das Ganze geworden wäre", sagt Bolz. Das mache den Chemnitzer Bau so besonders.

Neun Büros beworbenBis Anfang Oktober läuft für die Fertigstellung ein Architektenwettbewerb mit neun Büros. "Uns geht es um einen gelungenen Abschluss des historischen Gebäudes und die Vereinbarkeit mit schon drei Architekturstilen auf dem Gelände", sagt Frank Steinert, Geschäftsführer der Poelzig Bau Projekt GmbH. Die GmbH, hinter der zwei Firmen aus der Region stehen, hat die ehemalige Trikotagenfabrik im vergangenen Jahr auf dem Wege der Versteigerung erworben. Zuvor hatten Insolvenzverwalter und Stadt bundesweit vergeblich für das Industriedenkmal geworben. Zum 11 000 Quadratmeter großen Gelände gehören ein gelber Klinkerbau von 1909, für den laut Steiner schon ein einheimischer Nutzer feststeht, ein Produktionsgebäude von 1911, ein frei stehender Schornstein und die Reste eines Kesselhauses. "Auf dem Gesamtareal planen wir einen Mix aus Arbeiten, Freizeit und Wohnen", sagt Steinert. Moderne Materialien seien da ebenso denkbar wie der von Poelzig verwendete Harthauer Chloritschiefer.

Für das übrige Innenleben lässt sich der Bauherr noch fast alle Türen offen, nennt auch keine Investitionssumme. Von Büros im weitesten Sinne ist die Rede, die innerhalb des für Fabriksäle typischen Stützenrasters flexibel eingebaut werden könnten. Allein der Poelzig-Bau bietet 1200 Quadratmeter pro Etage, der ältere Nachbarflügel jeweils noch etwas mehr.