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| 02:52 Uhr

Reisen, Kaufen und was noch?

Mit einem Feuerwerk am Brandenburger Tor in Berlin feierten rund eine Million Menschen in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 ausgelassen die deutsche Wiedervereinigung. Auch viele Lausitzer reisten nach Berlin, um mitzujubeln. Die Berliner Korrespondenten der RUNDSCHAU – einer aus dem Osten, der andere aus dem Westen Deutschlands – erinnern sich an diesen Tag.
Mit einem Feuerwerk am Brandenburger Tor in Berlin feierten rund eine Million Menschen in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 ausgelassen die deutsche Wiedervereinigung. Auch viele Lausitzer reisten nach Berlin, um mitzujubeln. Die Berliner Korrespondenten der RUNDSCHAU – einer aus dem Osten, der andere aus dem Westen Deutschlands – erinnern sich an diesen Tag. FOTO: dpa
Berlin/Frankfurt/Main. Ein Vierteljahrhundert – ist das lang oder kurz für ein Land, das 40 Jahre geteilt war? Wie weit ist die deutsche Einheit gediehen? Wo ist Deutschland zusammengewachsen, was trennt Deutschland heute noch? Jutta Steinhoff und Jörg Fiene

Bange Blicke zum Wachturm gibt es längst nicht mehr. Wer die ehemaligen deutsch-deutschen Grenzübergänge Marienborn bei Helmstedt oder Dreilinden bei Berlin passiert, hat freie Fahrt. In beide Richtungen. Die Auslagen und Regale der Geschäfte im Osten des Landes unterscheiden sich in nichts von denen im Westen. Schlangestehen für Südfrüchte? Längst vergessen. Und sonst?

25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung steigt am 3. Oktober ein großer Festakt in Frankfurt am Main. Vieles ist überwunden, was hüben und drüben trennte.

Einheit mit Nachholbedarf

Im Osten habe die "Überlagerung" des Westens vor 25 Jahren gerade nicht zur echten Annäherung geführt, allenfalls zur örtlichen, erklärt Karl-Siegbert Rehberg, Gründungsprofessor für Soziologie an der Technischen Universität Dresden. Und bei den Bürgern der ehemaligen Bundesrepublik sei die Wiedervereinigung ohnehin nur Thema, wenn man damit direkt zu tun habe: "Wenn eine Gesellschaft nicht zusammenbricht, hat man ja auch wenig Grund, viel zu ändern."

"Die Lebensläufe sind entschieden", sagt Rehberg. Die mittlere Generation sei wieder gut etabliert - ob als Gewinner oder "Sinn-Verlierer" der Einheit. "Jetzt nach 25 Jahren kann man auf seinen Lebenslauf wieder besser zurückgreifen und ihn auch rechtfertigen", erklärt der Experte, Inhaber des Lehrstuhls für Soziologische Theorie, Theoriegeschichte und Kultursoziologie.

Aus seiner Sicht gibt es ein inneres Kommunikationsverhalten. "Die Verkehrskreise sind noch relativ getrennt", selbst wenn die Menschen auf die andere Seite der ehemaligen Grenze wechselten. Eine Stadt wie Dresden etwa habe zwei Kunstvereine, "in einem sind Westdeutsche und im anderen Ostdeutsche". Und bis auf manchen Trip nach Berlin, Dresden, Rostock oder Leipzig, nach Rügen oder in die Sächsische Schweiz halten sich viele Westdeutsche vom Osten fern.

Vorzug für bekannte Reiseziele

Denn die Macht des Gewohnten ist 25 Jahre nach der Wiedervereinigung auch beim Urlaub groß. Nach Stippvisiten im Ausland ist bei den innerdeutschen Reisezielen der Ostdeutschen längst wieder die Ostseeküste samt Inseln am beliebtesten. Bei den Westdeutschen zieht Bayern am meisten, wie Daten des Statistischen Bundesamtes belegen. Vor allem die mittlere Generation setzt auf das Bekannte. Vor allem bei jungen Menschen sind die Ziele hingegen weniger festgelegt. "Die Reisefreiheit ist das Schönste, was es für mich gibt", sagt etwa Sarah Klier, zwei Minuten vor dem 3. Oktober 1990 in Leipzig geboren und als "letzter Schrei der DDR" bekannt.

Differenzen bei Kaufkraft

Wofür private Haushalte in Ost und West ihr Geld ausgeben, ist nach fast 25 Jahren Einheit ebenfalls weitgehend gleich, wie aus den Daten des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Das meiste ging etwa 2012 für die Wohnung (Ost: 34,2 Prozent und West: 34,5), Mobilität (Ost: 13,9 und West: 14,3) sowie Nahrung (Ost: 14,4 und West: 13,8) drauf. Unterschiedlich ist das Kaufvolumen - mit rund 2400 Euro monatlich im Westen und rund 1900 in den Ostländern und Berlin. Durchweg wirtschaftlich gesichert fühlen sich Bürger im stärker von Arbeitslosigkeit betroffenen Osten denn auch nicht. Zwar nannten 2014 in der Allensbach-Studie "Wertewandel Ost" im Auftrag großer Ost-Zeitungen rund 61 Prozent der Befragten die Wiedervereinigung eine Erfolgsgeschichte. Aber viele Ostdeutsche fürchten auch den Verlust an Wohlstand.

Die Sprache der Einheit

Mit einer Stimme sprechen die Deutschen nicht immer, eine Sprache schon. Die Einheit des Wortschatzes ist weitgehend vollzogen, wie Linguistik-Professor Peter Schlobinski, Vorsitzender der Gesellschaft für Deutsche Sprache (GfDS) in Wiesbaden, sagt. Für die Gruppe der Unter-60-Jährigen sei dieser Prozess abgeschlossen.

Während Hunderttausende in den Nachwendejahren nach Westen zogen, machte sich die Sprache der alten Bundesrepublik schnell im Osten breit und blies den sozialistischen Einheitsjargon fort, dem die wirtschaftliche und politische Verankerung plötzlich entzogen war. Bürokratische Wortungetüme wie die Jahresendflügelfigur für den Weihnachtsengel dienen heute allenfalls noch für satirische Rückblenden auf die untergegangene DDR. Einige wenige Begriffe aus der Alltagssprache der Ostdeutschen sind mittlerweile gesamtdeutsches Sprachgut. Die Einraumwohnung etwa hat Einzug in den Immobilienteil westdeutscher Zeitungen gehalten. Im Westen nickt man heutzutage ab und denkt an, wie es früher nur der Ostdeutsche tat, wenn er zustimmte und plante. Und der Broiler brutzelt mittlerweile auch an Imbissständen von Hähnchenbrätern auf Wochenmärkten in Hannover oder Köln vor sich hin.

Überholte Redewendung

Eine Wortschöpfung der Nachwendezeit hat sich längst überholt, hält sich aber hartnäckig: die "neuen Bundesländer". Kaum eine Ost-West-Betrachtung verzichtet auf diesen Begriff - obwohl nach einem Vierteljahrhundert nichts Neues mehr an Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zu finden ist, und obwohl die Geschichtsschreibung Thüringer und Sachsen ausweist, Jahrhunderte bevor an Niedersachsen überhaupt zu denken war. Vor allem bei den Menschen im Osten ist der Begriff ungeliebt, weil dem Attribut "neu" nach 25 Jahren nicht nur ewige Jugend, sondern auch noch immer der Geruch von Anhängsel und Anfängertum anhaftet. Sprachwissenschaftler Schlobinski findet den Terminus "neue Bundesländer" unpassend und inhaltlich überholt. "Aber er ist fest in unserem mentalen Wortschatz verankert. Und dagegen ist schwer anzukommen, solange es nicht gelingt, eine Wettbewerbssituation mit einem passenden anderen Begriff herzustellen." Ostdeutsche Länder, Ostländer, Länder im Osten - die Sprache hielte gute Konkurrenz bereit.

Bei der Jugend wenig Vorurteile

Wenn Nele (14) aus Niedersachsen mit der Bahn zu ihrer gleichaltrigen Brieffreundin Janne nach Mecklenburg-Vorpommern fährt, dann ist das für sie allenfalls geografisch gesehen eine Reise in den Osten. Die beiden Gymnasiastinnen können mit wechselseitiger Vorurteilspflege über die frühere innerdeutsche Grenze hinweg nichts anfangen. "Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Das ist gar kein Thema für uns", sagt Nele. Ein Befund, den zahlreiche Studien für ihre Generation bestätigen.

Nach einer Umfrage des Forsa-Instituts von 2014 im Auftrag ostdeutscher Hochschulen etwa empfindet unter den 16- bis 29-Jährigen mehr als die Hälfte größere Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschen als zwischen West- und Ostdeutschen - nur knapp ein Drittel sagt das Gegenteil.

Nach Untersuchungen des Politologen Holtmann sind Unterschiede in gegenseitiger Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung zwischen den Jugendlichen in Ost und West kaum mehr erkennbar.