„Mit dem
Klimawandel
muss sich auch
das touristische
Angebot
wandeln.“
 Anke Richter,
Tourismusverband
Elbe-Elster


In fünf Tagen um die Erde. Das ist durchaus möglich auf dieser weltgrößten Reisemesse in der deutschen Hauptstadt. Und sogar völlig klimafreundlich. Denn wer gut zu Fuß ist, kann die bunte Urlaubswelt ganz auf die sanfte Tour per pedes entdecken. Kondition gehört natürlich dazu, um wenigstens beim Großteil der 11 000 Aussteller aus 184 Ländern rund um den Globus vorbeizuschauen. Wem die Erde noch nicht genügt, kann sogar nach den Sternen greifen. Denn selbst Tourismus im All ist Thema auf der diesjährigen ITB.
Besonders am Wochenende aber ist in den Messehallen an schnelles Durchkommen kaum zu denken. Das sind die Tage der Öffentlichkeit, die Stunden der Sammler, die ihre Urlaubsträume schon mal in bunten Prospekten und Postern mit nach Hause nehmen wollen. Unzählige Gelegenheiten, sich Tipps für den nächsten Urlaub oder Ausflug zu holen. Anregend, aufregend und ermüdend zugleich.
Eine gute Idee also, auf der Reise um die Erde eine kleine Rast im Spreewald einzulegen. Und dabei gleich die Stadt Cottbus zu besuchen. Nicht nur, dass hier Standbetreuerinnen Julia Kahl und Cindy Hentschel von der Burger Touristinformation den Reisenden eine Stärkung mit Spreewälder Gurken bereiten. Diese Region ist nicht nur in Brandenburg, sondern auch weit darüber hinaus eine Top-Adresse, wie die jüngsten Tourismuszahlen belegen. Schon ein so Weitgereister wie Fürst Pückler wusste schließlich diesen Landstrich so zu schätzen, dass er hier seine Reiseimpressionen, auf für die Nachwelt unschätzbare Weise, verarbeitete und seine gartenkünstlerischen Talente entfaltete.
Kein Wunder also, dass am Gemeinschaftsstand von Spreewald und Stadt Cottbus auch eine Pückler-Pyramide zu sehen ist. Und damit die Gemeinsamkeit offensichtlich ist, gibt es die Pyramide gleich in doppelter Ausführung: Einmal als Foto des Originals aus dem Branitzer Park und zum anderen als köstliche Nachbildung aus frischem Spreewälder Gemüse: „Damit wollen wir zeigen, dass der Spreewald und Cottbus zusammengehören. Der Spreewald kann nicht ohne Cottbus. Cottbus kann nicht ohne den Spreewald. Vielleicht ist diese gemeinsame Präsentation auf der ITB ein neuer Anfang“ , hofft Grit Bandemer vom Tourismusverband Spreewald e.V., zu dem vor Jahren auch die Lausitzmetropole gehört hatte. Anfang des Jahrtausends hatte Cottbus die Mitgliedschaft gekündigt, die jetzt, so hatte Grit Bandemer den Oberbürgermeister auf der Reisemesse Cottbus verstanden, wieder erneuert werden soll.
Überhaupt rücken die Regionen auf der Messe zusammen. In der Sachsen-Halle finden sich Kulturattraktionen von Görlitz dicht neben Bautzener Senf und Oberlausitzer Wanderofferten.
In der Brandenburg-Halle liegt Tropical Island ein wenig abseits auf der Insel, die Stadt Bad Liebenwerda firmiert unter dem Brandenburgischen Kur- und Bäderverband. Genauso gut hätte sich Standbetreuerin Kerstin Jahre auch in der gegenüberliegende Ecke der Halle zu Hause gefühlt. Königlich kann man sich dort an diesem Wochenende am Gemeinschaftsstand von Niederlausitz und Elbe-Elster fühlen. Denn die Gubener Apfelkönigin und die Forster Rosenkönigin erweisen der Messe ihre Reverenz.
Ein blumengeschmücktes Fahrrad macht darauf aufmerksam, dass hier vor allem sanfter Tourismus angesagt ist. „Ja, wir laden besonders die Aktivurlauber ein. Über 3000 Kilometer Radwanderwege führen durch unsere Region“ , spricht Kathrin Winkler, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Niederlausitz e.V. Entdeckungslustige an, die Gegend auf dem Drahtesel zu erkunden. Und sie freut sich über das große Interesse der Besucher: „Die Wahlmöglichkeiten auf der ITB sind natürlich riesig. Umso wichtiger ist es, dass nicht jede Region für sich allein wirbt, sondern dass wir uns gemeinsam mit dem Elbe-Elster-Land als Radwanderparadies präsentieren und auch den Landschaftswandel in den Mittelpunkt stellen, der sich bei uns vollzieht“ , ist Kathrin Winkler überzeugt. Natürlich probiere sie die Radwege in der Lausitz selbst aus, könne den Gästen vieles darüber erzählen. In diesem Jahr plane sie aber auch eine Rucksack-Tour durch Peru: „Wir haben viele schöne Ecken, aber man muss auch mal raus aus Deutschland, um den eigenen Horizont zu erweitern. Es geht nicht um Spreewald statt Seychellen: Ich denke, beides will entdeckt werden. Und das so umweltfreundlich wie möglich“ , so die 42-Jährige, die seit zehn Jahren den Tourismusverband Niederlausitz führt.
Natürlich macht die Debatte um Klimawandel und Luftverschmutzung keinen Bogen um die Messehallen. "Wir müssen das ernst nehmen und Antworten finden", ist das übereinstimmende Urteil in der Branche. Der Tourismus lebe schließlich von einer intakten Umwelt. Aber der Verzicht auf Flugreisen könne nicht der Weg sein. Reis ernten in Vietnam, Schokolade schlemmen in Ecuador oder Schilfboote bauen in Peru - nichts weist auf der Messe daraufhin, dass die Fernreise keine Zukunft mehr hat.
Fernreisen haben derzeit sogar ausgesprochen Konjunktur. Die Dominikanische Republik oder Thailand sind seit Jahren beliebte Ziele. Indien, das diesjährige Partnerland auf der ITB, meldet ein Wachstum seines Tourismussektors in den vergangenen fünf Jahren um 78 Prozent. „Die Deutschen waren auch 2006 wieder Reiseweltmeister“ , weiß der Deutsche ReiseVerband (DRV) zu berichten. Und nach jüngsten Studien wollen sie in diesem Jahr sogar noch mehr verreisen, sagt DRV-Präsident Klaus Laepple.
Die Reiselust will auch das Elbe-Elster-Land anstacheln. Verstärkt mit Radtourismus und Industriekultur. „Wir können Klimaveränderungen beklagen, wichtiger aber ist es, sich darauf einzustellen. Mit dem Klimawandel muss sich auch das touristische Angebot wandeln“ , meint Anke Richter, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Elbe-Elster. So litt die Region touristisch kaum unter dem Schneemangel des verflossenen milden Winters, im Gegenteil.
Das Besucherbergwerk F 60 in Lichterfeld konnte die ganze Saison über bestiegen werden. „Industriekultur ist eine spannende Sache. Vom Abbau der Kohle an der F 60 bis zur Verstromung im Kraftwerk Plessa ist bei uns alles erlebbar“ , erzählt sie. Und bekommt dabei starke Unterstützung von Hans-Joachim Schubert, Geschäftsführer der Industrie-Denkmal & Industrie-Museum Kraftwerk Plessa gGmbH, dessen Vorfahren aus der Lausitz stammen: „Ab Mai laden wir nach der Teilsanierung in unser Industriedenkmal. Es wird kein seelenloser Ort sein, sondern er lebt durch die Geschichten der Menschen. Und durch ihre Küche.“ Trendverdächtig auf der ITB: Industriekultur mit Leib und Seele.