Einen kritischen Befund zur Lage der Kinder in Deutschland legt das UN-Kinderhilfswerk Unicef in einem aktuellen Bericht vor, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Hier die wichtigsten Erkenntnisse.

Wann ist ein Kind armutsgefährdet?

Als Maßstab dient das Einkommen der Familie, in der das Kind lebt. Demnach gelten Haushalte als armutsgefährdet, wenn sie mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens auskommen müssen. Bei einem Alleinerziehenden-Haushalt zum Beispiel liegt die Schwelle bei monatlich etwa 1200 Euro, inklusive Wohngeld, Kindergeld und Kinderzuschlag. Der Kinderzuschlag wird gewährt, wenn Eltern mit ihrem Erwerbseinkommen den eigenen Bedarf decken können, aber nicht den ihrer Kinder.

Wie akut ist das Problem in Deutschland?

Laut Unicef haben zwischen 2000 und 2010 rund 8,6 Prozent aller Kinder langwierige Armutserfahrungen gemacht. Gemeint ist ein Zeitraum von mindestens sieben Jahren. Betroffen sind rund 1,1 Millionen Heranwachsende. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2011 insgesamt rund 16 Millionen Menschen in Deutschland von Armut betroffen.

Welche Folgen hat die Armut für Kinder?

Solche Kinder haben es besonders schwer, Selbstvertrauen zu entwickeln. Und sie seien auch als Erwachsene deutlich unzufriedener mit ihrem Leben, meinte der Vorsitzende von Unicef Deutschland, Jürgen Heraeus. So trieben sie beispielsweise weniger Sport, schauten mehr fern und rauchten häufiger. Häufig entstehe daraus ein lebenslanger Effekt. Insgesamt sind die negativen Auswirkungen dann gravierend, wenn die Armutserfahrungen mehr als ein Drittel der Kindheit andauern.

Wer ist besonders benachteiligt?

Kinder von alleinerziehenden Eltern. Überdurchschnittlich viele von ihnen haben bereits am Ende der vierten Klasse einen Leistungsrückstand in Mathematik und anderen wichtigen Fächern. Untersuchungen zufolge liegen Kinder aus Paar-Familien im Schnitt ein halbes Lernjahr vor ihren Altersgenossen in alleinerziehenden Familien. Diese Diskrepanz resultiert aber nicht aus der Familienform, wie die Forscher herausfanden. Entscheidend ist der soziale Hintergrund. Alleinerziehende sind im Schnitt häufiger arbeitslos und schlechter ausgebildet.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kinderarmut und Kriminalität?

Nein, Kinder aus sozial schwachen Haushalten sind nicht krimineller als andere. Insgesamt ist die Jugendkriminalität rückläufig. Das gilt auch für Gewalttaten. Im Jahr 2011 wurden 6,7 Prozent der jungen Leute zwischen 14 und 18 Jahren wegen einer Straftat polizeilich registriert. 1998 lag dieser Anteil noch bei 8,2 Prozent.

Wie schneidet Deutschland im internationalen Vergleich ab?

Im Vergleich der 29 entwickelten Industrieländer (OECD) rangiert Deutschland bei der materiellen Lage der Kinder auf Platz 11, also im vorderen Mittelfeld. Unicef-Deutschland-Chef Heraeus warnte aber vor durchschnittlichen Betrachtungen, weil sie den Blick für Probleme verstellten. Deutschland sei für Kinder "alles andere als ein Paradies".

Was genau muss sich ändern?

Benachteiligte Kinder müssten frühzeitig und zielgenauer unterstützt werden, sagt Unicef. Dazu passt auch eine gestern veröffentlichte Studie der Arbeiterwohlfahrt, die der Betreuungsqualität in den Kitas ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Der Soziologe Hans Bertram, der auch für Unicef arbeitet, kritisierte das Kindergeld als "ineffiziente Maßnahme" für die Bekämpfung von Kinderarmut. Besser seien eine Staffelung nach der Bedürftigkeit sowie eine Reform in Richtung Kindergrundsicherung, meinte Bertram.