März 1933 in der Garnisonkirche der Preußenresidenz gingen einst um die Welt und später in die Geschichtsbücher ein. Der propagandistisch inszenierte Staatsakt sollte Hitler salonfähig machen.

Thierse als Schirmherr
"Es war ein schamvoller Tag", sagte Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) gestern bei der Eröffnung eines Bildungsforums, mit dem die Landeshauptstadt in den nächsten Tagen an die 70.Wiederkehr des Ereignisses erinnert. Die Veranstaltungen wenden sich vor allem an Potsdamer Schüler. Die Schirmherrschaft hat Bundestagspräsident Wolfgang Thierse übernommen.
Nur selten habe ein lokalhistorisches Ereignis eine solch komplexe Reaktion ausgelöst, betonte Reiche vor rund 100 Potsdamer Schülern im Alten Rathaus. Er erinnerte daran, dass die Inszenierung in der Potsdamer Garnisonkirche im Bewusstsein geschehen sei, den Reichstag zu entmachten, sich einer der letzten demokratischen Überreste der Weimarer Republik zu entledigen: "Es führte zu Intoleranz, Antidemokratie, Menschenverachtung in bisher ungeahntem Ausmaß." Schon zwei Tage danach hätten die Nationalsozialisten mit dem Ermächtigungsgesetz demonstriert, "wie mit legalen Mitteln die demokratische Grundordnung zerstört werden kann".
Im Rahmen der Bildungswoche werden sich bis Freitag 32 Veranstaltungen in Potsdam mit dem "Tag von Potsdam" beschäftigen. Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) hob hervor, dass die Initiative für diese Reihe nicht von den Stadtvätern ausging, sondern aus der Bürgerschaft kam. Initiator Björn Wiede, Kantor der Nikolai-Gemeinde, verwies darauf, dass es im Vorfeld auch Stimmen gegeben habe, die "dagegen oder aber reserviert" gewesen seien. "Ab er das wäre Verdrängung."

Interview mit Zeitzeugen
Zum Auftakt interviewte der frühere Potsdamer Polizeipräsident Detlef Graf von Schwerin seinen betagten Onkel, den Ex-Botschafter Ulrich Sahm, der als Sohn des damaligen Berliner Oberbürgermeisters im Alter von 15 Jahren den Staatsakt in der Garnisonkirche selbst mit erlebt hatte - und so authentisch eigene Empfindungen und spätere Einsichten vermitteln konnte.
Einer der Höhepunkte der Woche soll morgen ein öffentliches Forum mit Oberbürgermeister Jann Jakobs, TV-Moderator Günther Jauch und dem früheren Generalinspekteur der Bundeswehr Hans-Peter von Kirchbach sein, die sich mit dem "guten Geist von Potsdam" in der Gegenwart ausein andersetzen wollen.

Kirchen-Aufbaupläne
Der 70. Jahrestag des "Tages von Potsdam" fällt in ein Jahr, in dem in der Landeshauptstadt der Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche vorbereitet wird, die in den letzten Kriegstagen schwer zerstört und 1968 als "Symbol des preußischen Militarismus" auf Geheiß der SED-Führung gesprengt wurde. Ein Vorhaben, das Kontroversen auslöst.
Mit Spannung wird deshalb eine Veranstaltung am Donnerstag (16 Uhr/Altes Rathaus) erwartet, in der die evangelische Kirche, die Traditionsgemeinschaft "Potsdamer Glockenspiel" und ein neu gegründeter "Freundeskreis Gar nisonkirche" ihre Aufbau-Pläne vorstellen.