"Anfang der 90er-Jahre
rückten die
Krieger, die
Diebe, Schlagersängerinnen und Kriminellen zur Elite des
Landes auf.""Wer ist schuld, dass auch nach zwei Jahren nicht eine einzige
Anklage erhoben wurde?"
 TV-Sender B 92Veselin Simonovic,
"Blic"-Chefredakteur


Zunächst war es der Belgrader TV-Sender B 92, der jüngst den umfangreichen Polizeibericht mit dem Codenamen "Netz" publik machte. Dabei kam auch heraus, dass der serbische Innenminister Dragan Jocic bereits seit zwei Jahren dieses Untersuchungsergebnis vorliegen hat. Jocic und die Polizei bestritten tagelang die Existenz des Berichts. Erst als die Zeitung "Blic" titelte: "Jocic schützt die größten Zigarettenschmuggler", besannen sie sich eines Besseren: Ja, die Polizeiuntersuchung liege vor und sei jüngst dem Gericht übergeben worden, teilten die Sicherheitsbehörden jetzt mit.
"Wer ist schuld, dass auch nach zwei Jahren nicht eine einzige Anklage erhoben wurde?", fragte "Blic"-Chefredakteur Veselin Simonovic in einem offenen Brief an Innenminister Jocic. Durch die Verzögerungstaktik des Ministeriums seien die Taten wenigstens einer dieser Schmugglerbanden inzwischen verjährt. Die Medien des Landes beschrieben dennoch, wie Marko Milosevic in kürzester Zeit zum Multimillionär aufgestiegen war.
Wie schon gegenüber anderen Mitgliedern des Milosevic-Clans wollen die Strafverfolgungsbehörden auch gegen Marko nicht ansatzweise wegen Schwerstkriminalität ermitteln. Möglicherweise, weil zu viele auch heute noch aktive Politiker und Unternehmer selbst in die ominösen Machenschaften verstrickt sind. Der in weiten Teilen der Bevölkerung verhasste Milosevic-Spross wurde daher lediglich angeklagt, einem Kritiker mit Mord gedroht zu haben. Dafür wurde er auch verurteilt. Doch unter undurchsichtigen Umständen hatte das Opfer seine ursprüngliche Aussage widerrufen. Marko wurde freigesprochen. Jetzt liegt offiziell nichts mehr gegen ihn vor.
"Wir wissen, wer Serbien beraubt hat, aber nicht wie", schrieb das Nachrichtenmagazin "Vreme" vor Kurzem. Doch das ist jetzt geklärt. "Zigarettenschmuggel in Serbien 1996 bis 2000" sei eine Grafik im Polizeibericht überschrieben, hieß es dort weiter. "An der Spitze des Diagramms stehen gleichberechtigt Marko Milosevic, Mirjana Markovic und (der Zollchef) Mihalj Kertes."
Und so funktionierte das kriminelle Netzwerk: Der heute 32-jährige Marko ließ über seine auf Zypern beheimatete Briefkastenfirma eine Schiffsladung Zigaretten im bulgarischen Schwarzmeerhafen Burgas anlanden. Mit Sattelschleppern kam die wertvolle Fracht nach Serbien. Mutter Mirjana instruierte den Zollchef Kertes, dass die Fahrzeuge am Grenzübergang Gradina ohne Kontrolle durchgewinkt werden. Der wies seine Zöllner entsprechend an.
Die Zollpapiere waren ohnehin frisiert. Mal handelte es sich um Zigaretten im Transit, mal um Möbel und Hölzer für Ungarn. Zitiert wird der ehemalige Belgrader Geheimdienstchef Branko Djuric, nach dem eine Schlepperladung Zigaretten innerhalb eines Tages in Serbien an den Mann und an die Frau gebracht wurde. Den Reinverdienst beziffert er mit umgerechnet 150 000 bis 200 000 Euro je Ladung.
Ein zweiter Schmuggelkanal verlief zwischen Kroatien und Serbien, obwohl beide Länder im Krieg gegeneinander kämpften. Nach der Devise "Geschäft ist Geschäft" sollen aus der kroatischen Tabakfabrik TDR in Rovinj monatlich 50 Tieflader voller Zigaretten nach Serbien geschleust worden sein. Geschätzter Gewinn: umgerechnet 12,5 Millionen Euro monatlich. Auf kroatischer Seite soll der Schmuggel vom TDR-Chef Ante Vlahovic abgewickelt worden sein.
Vlahovic gilt heute als einer der reichsten Kroaten. Sein Vermögen wird auf 360 Millionen Euro geschätzt und das bei einem Mann, der seine Karriere in der Tabakfabrik noch in kommunistischen Zeiten begonnen hatte. Der TV-Sender B 92 bilanziert: "Marko Milosevic wurde Millionär, als sich der Staat im Krieg befand, als die Nation verarmte und tausende Flüchtlinge ins Land kamen. Er verdiente am Zigarettenschmuggel monatlich Millionen Mark, während das Durchschnittsgehalt von Ärzten oder Professoren nur einige wenige Mark ausmachte. In einem solchen System wurden alle (moralischen) Werte vernichtet, und Anfang der 90er-Jahre rückten die Krieger, die Diebe, Schlagersängerinnen und Kriminellen zur Elite des Landes auf."
Dass Marko Milosevic einer der Größten im kriminellen Geschäft war und dass die Mutter stets mit von der Partie war, haben inzwischen auch der ehemalige serbische Geheimdienstchef Radomir Markovic und Zolldirektor Kertes bestätigt. Doch die Eltern zeichneten in der Öffentlichkeit ein ganz anderes Bild von ihrem Kind. "Mein Sohn hat alles, was er im Leben erreichte, mit seinen eigenen Händen erarbeitet", beschrieb Vater Slobodan rührend den wirtschaftlichen Erfolg Markos. "Mit 16 hat er schon gearbeitet, weil er es nicht ertragen konnte, einfach der Sohn des Präsidenten zu sein. Er trug in unserer Geburtsstadt Pozarevac Kästen mit leeren und vollen Flaschen für eine Kneipe aus und verdiente monatlich 55 Euro."
Die Wirklichkeit sah allerdings ganz anders aus. "Anfang der 90er-Jahre, als der größte Teil Serbiens im wahrsten Sinne des Wortes hungerte, prahlte Marko mit der Zerstörung teurer Autos", schreibt B 92. In der Tat berichtete der Hobby-Rennfahrer in einem Interview: "Vater ärgerte sich über die ersten 15 Wagen (die zu Schrott gefahren wurden). Dann hat er das nicht mehr beachtet."
Das kostspielige Hobby wurde Marko von einem politischen Intimus seiner Mutter finanziert. Vlada Kovacevic, genannt Treff, ließ den Milosevic-Sprössling seine Rennfahrerträume auf dem Flughafen im Belgrader Vorort Surcin ausleben. Für immer neue Autos als Nachschub und fiktive Trophäen war stets gesorgt. Im Gegenzug erfreute sich Treff der besonderen Förderung von Polizei und Zoll beim Zigarettenschmuggel. Doch irgendwann ließ sich Marko damit nicht mehr abspeisen und rückte zum gleichberechtigten Partner Treffs bei den riesigen Einnahmen auf.
Am 20. Februar 1997 wurde Treff ermordet. Bis heute ist der Fall ungeklärt. Marko übernahm das Geschäft mithilfe von dessen Witwe. Doch es blieb nicht bei diesem einen Mord im Umfeld des Milosevic-Sohnes. Auch die Ermordung des serbischen Vize-Innenministers Radovan Stojicic zwei Monate später soll mit dem Zigarettenschmuggel in Zusammenhang stehen. Und erst im Februar wurde in Sofia der bulgarische Großkriminelle Iwan Todorow ("Der Doktor") ermordet. Bulgarische Medien bringen ihn ebenfalls mit Marko Milosevic in Zusammenhang.
Der Wert der geschmuggelten Zigaretten soll 76 Millionen Euro betragen haben. Marko "investierte" den schnell erworbenen Reichtum in seiner Geburtsstadt Pozarevac. Die Stadtverwaltung wollte ihm zu Gefallen sein und enteignete verschiedene Grundstücke, die Marko später übernehmen konnte. Er baute sich eine Villa, deren riesiger Swimmingpool für den sinnlosen Luxus sprichwörtlich wurde. Er war Eigentümer der mit modernster Technik ausgerüsteten Discothek "Madona", eines Computervertriebes, einer Pizzeria, einer Rundfunkanstalt, eines Providers und eines Fitnessstudios.
Im Belgrader Zentrum nannte Marko die Luxus-Parfümerie "Skandal" sein Eigen. An den Grenzen war er der Herrscher über eine ganze Kette von Duty-free-Shops. Mit zunehmendem Reichtum und anscheinend grenzenloser Befugnis wuchs auch seine Unverfrorenheit. Mal bedrohte er einen Kritiker mit der Motorsäge, mal marschierte er wegen kritischer Berichte mit vorgehaltener Pistole in die Redaktion einer Zeitung.
Mit dem Ende der Herrschaft von Slobodan Milosevic im Oktober 2000 war auch dessen Sohn Marko am Ende. Doch der setzte sich nach Russland ab. Schließlich konnte er dafür nicht weniger als vier serbische Diplomatenpässe nutzen. In Russland genießt er inoffiziell den Status eines "politischen Flüchtlings". Sein prall gefüllter Geldbeutel dürfte bei der Erlangung dieses Rechtsstatus' nicht hinderlich gewesen sein.