Da kann Peer Steinbrück nicht anders. Der designierte SPD-Kanzlerkandidat applaudiert ausgerechnet Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) kräftig. "Man muss auch sehen, was Griechenland schon geleistet hat", ist der Satz, den Steinbrück offenbar ziemlich gut findet.

Schäuble ist allerdings auch ein alter Trickser. Er weiß, welche Köder er für wen auslegen muss, welche Tonart er zu wählen hat, damit im Parlament ein Hauch von Sanftmut Einzug hält. Der CDU-Mann kann anders sein, wenn nötig giftig und belehrend. Doch an diesem Morgen, an dem die griechische Schuldentragödie mal wieder die Tagesordnung des Bundestages bestimmt, ist zu viel Attacke nicht gefragt. Fast alle agieren mit angezogener Handbremse.

Nur die Linksfraktion nicht: Deren Geschäftsführerin Dagmar Enkelmann hält am Rednerpult den Stapel an Papieren hoch, der Mitte der Woche aus Brüssel für die Abgeordneten zur Beratung herübergeschickt worden ist. Er ist sechs Zentimeter dick. Enkelmann beklagt das "undemokratische Verfahren". Sie fragt, ob alle "ernsthaft dieses Paket gelesen, geprüft und abgewogen" haben.

Das haben die meisten Parlamentarier selbstverständlich nicht. Wie auch in nur 72 Stunden.

Die Regierung bewegt sich auf dünnem Eis, denn von Mal zu Mal wird der Widerstand bei Union und FDP gegen Hilfen für Athen größer. 23 Koalitionsabgeordnete sind es diesmal, die ihm und der Kanzlerin bei der Abstimmung über die Milliarden-Stütze die Gefolgschaft verweigern.

Schäuble will beruhigen, spricht staatstragend sachlich. Er mimt den Erklär-Minister, der Athen lobt und eindringlich vor den Risken einer griechischen Staatspleite für Deutschland warnt. Werde Griechenland nicht geholfen, könnte ein Prozess in Gang gesetzt werden, "an dessen Ende der gesamte Euroraum zerbricht". Man werde auch weiterhin nur "Schritt für Schritt" gehen und versuchen, Kosten und Risiken zu begrenzen. "Aber der Weg ist noch lang", so Schäuble.

Dann kritisiert er die Debatte über einen möglichen Schuldenschnitt für Griechenland. "Das wäre ein falscher Anreiz zur falschen Zeit." Am Ende ist der Applaus für den Finanzminister höflich.

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier antwortet. Er zeigt sich ansatzweise sogar verständnisvoll. Irgendwie sei Schäuble auch "rührend", so Steinmeier. Gleichwohl erwarte er, dass die Regierung endlich zugebe, sich geirrt zu haben. Einen "Eiertanz" wirft Steinmeier der Koalition vor, die noch vor zwei Jahren behauptet habe, die Hilfen für Athen kosteten den Steuerzahler keinen Cent. Jetzt sind es schon 730 Millionen Euro in 2013. Bei der Abstimmung über die weiteren Finanzhilfen sagen die Genossen allerdings Ja, ansonsten Nein zum Krisenkurs der Bundesregierung. Das ist schwer erklärbar.

"Wir bleiben unserer europäischen Verantwortung treu", windet sich der Fraktionschef. Steinmeier steht wie Schäuble auf dünnem Eis. Beide wollen an diesem Morgen ja nicht einbrechen.

Und die Kanzlerin? Angela Merkel selbst spricht nicht. Es hat den Anschein, als ob sie bei den Reden mal vor sich hin döst, oder mal in Gedanken ganz woanders ist. Zwischendurch nimmt sie sich die Zeit, durch die Reihen der SPD zu schlendern und hier und da zu plauschen. Mehrheit ist nun mal Mehrheit.

Zum Thema:
CDU: Veronika Bellmann, Wolfgang Bosbach, Thomas Dörflinger, Alexander Funk, Manfred Kolbe, Carsten Linnemann, Christian Freiherr von Stetten, Arnold Vaatz, Klaus-Peter Willsch; CSU: Peter Gauweiler, Paul Lehrieder, Thomas Silberhorn. - FDP: Jens Ackermann, Nicole Bracht-Bendt, Sylvia Canel, Joachim Günther, Heinz-Peter Haustein, Lutz Knopek, Holger Krestel, Lars Lindemann, Frank Schäffler, Torsten Heiko Staffeldt; SPD: Klaus Barthel, Marco Bülow, Wolfgang Gunkel, Hilde Mattheis, Wilhelm Priesmeier, Gerold Reichenbach, Ernst Dieter Rossmann, Werner Schieder, Ottmar Schreiner, Rüdiger Veit, Waltraud Wolff; Die Linke: Alle anwesenden Abgeordneten stimmten mit Nein. Enthaltungen: - CDU: Christian Hirte. - SPD: Doris Barnett, Peter Danckert, Gabriele Hiller-Ohm, Steffen-Claudio Lemme, Holger Ortel, Stefan Rebmann, Ewald Schurer, Rolf Schwanitz, Marlies Volkmer; Grüne: Hans-Christian Ströbele.