Von Benjamin Lassiwe

Brandenburgs Jäger sind verärgert. Und der Grund dafür findet sich wieder einmal im Landwirtschaftsministerium von Ressortchef Jörg Vogelsänger (SPD): Denn das Ministerium will die Durchführungsverordnung zum Brandenburgischen Jagdgesetz ändern. Doch was nach einem banalen Verwaltungsakt klingt, hat auf die Jagd im Land massive Auswirkungen. Denn die Durchführungsverordnung regelt, welches Wild im Land wann und wo die Kugeln der Jäger zu fürchten hat.

Besonders umstritten ist eine Festlegung, dass statt eines Abschussplans, der vor Beginn einer Jagdsaison regelt, wie viele Rehe, Wildschweine oder Mufflons geschossen werden sollen, unter bestimmten Bedingungen Mindestabschusszahlen gelten sollen: Weibliches Reh-, Dam- und Muffelwild kann unbegrenzt geschossen werden, wenn bestimmte Bäume, etwa die Buche, die Kiefer oder auch die beim Wild beliebte Eberesche erhöhten Verbiss aufweisen.

Carsten Leßner, Leiter des Referats 35 im Ministerium, in dem sowohl die Wald- und Forstwirtschaft als auch die oberste Jagdbehörde zusammengefasst sind, sieht darin vor allem eine bürokratische Erleichterung für die Jäger. „Dem Jäger wird maßgeblich selbst die Möglichkeit gegeben, zu entscheiden, wann und wie er jagt“, sagt Leßner der RUNDSCHAU. Brandenburg erlebe seit Jahrzehnten einen exorbitanten Anstieg der Schalenwildbestände. Gleichzeitig zeigten aber die Waldbrände, etwa in Treuenbrietzen, dass man von der Kiefernmonokultur wegkommen müsse und endlich den Waldumbau betreiben müsse. „Das geht aber nicht mit Pflanzungen“, sagt Leßner. „Das geht nur mit Naturverjüngung.“

Doch Naturverjüngung bedeutet eben auch, dass es im Wald viele junge Pflanzen gibt: eine Delikatesse für Rehe und Hirsche. Manche Jäger, wie der emeritierte Professor für Zoologie der FU Berlin, Hans-Dieter Pfannenstiel, der bis 2013 auch Vorsitzender des Landesjagdbeirats war, sprechen deswegen schon jetzt davon, dass die neue Regelung eine „Katastrophe für die Wildbestände“ sei. „Wenn die Förster feststellen, dass die entsprechende Zahl junger Pflanzen nicht hochkommt, kommt der Mindestabschuss in Kraft“, sagt Pfannenstiel. „Es wird vermutlich keine einzige Landeswaldoberförsterei geben, die keinen erhöhten Wildbestand hat: Dann werden die Kameraden die ganze Zeit Dampf machen.“

Auch der Präsident des Landesjagdverbands, Dirk-Henner Wellershoff, ist unzufrieden. „Die Öffnung, dass bei überhöhtem Verbiss alles gejagt werden darf, ist nicht zielführend und gehört nicht dorthin.“ Im Landesjagdbeirat habe man dieser Regelung entschieden widersprochen. Und der umweltpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Dieter Dombrowski, erklärt, dass solch ein Vorgehen dem Auftrag des Landesjagdgesetzes widerspräche. „Wenn für Rot-, Dam- und Muffelwild demnächst Mindestabschusspläne gelten sollen und bei erhöhten Wildschäden im Wald das Alters- und Geschlechterverhältnis keine Rolle mehr spielt, widerspricht dies den wildbiologischen Grundlagen einer nachhaltigen Jagd.“

Andere Regelungen der neuen Verordnung sind dagegen weniger umstritten: Die Nilgans, eine Vogelart, die in den vergangenen Jahren auch in Brandenburg heimisch geworden ist, darf künftig ebenso bejagt werden wie Nutria und Bisamratte. Dagegen gibt es für Saat- und Blässgänse künftig kaum noch Jagdmöglichkeiten. „Wir haben Teichgebiete in der Lausitz, wo es zum Fischsterben kam, weil die Ausscheidungen der Gänse die Teiche umkippen ließen“, empört sich der Geschäftsführer des Landesfischereiverbands, Lars Dettmann. Blässgänse dürften künftig zwar noch geschossen werden, aber nur noch mit Büchsenkugeln und nicht mehr mit Schrot. „Das bedeutet, man muss eine Sicherheitsstrecke von sechs Kilometern einplanen“, sagt Dettmann. Auch der Wunsch, so wie in Bayern, Sachsen und Thüringen den Graureiher zumindest an bewirtschafteten Teichanlagen in das Jagdgesetz aufzunehmen, blieb unerhört.

Carsten Leßner freilich betont, dass die neue Verordnung nicht dafür gedacht sei, um die Jäger zu verärgern. „Wir können die Wildbestände in Brandenburg nur mit den Jägern reduzieren“, sagt der Referatsleiter aus dem Ministerium. „Wir haben in Brandenburg nur zehn Prozent der Landesfläche als Verwaltungsjagdfläche, wo unsere Förster jagen“, betont Leßner. „Im Land will niemand das Prinzip Wald vor Wild anwenden, und niemand will die Wildbestände ausrotten.“ Aber wenn es Wildschäden durch überhöhte Wildbestände gebe, seien die Bauern eben auch sofort empört.