Herr Wilking, in den vergangenen Wochen haben Rechtsextreme mal in Weißwasser ihr Unwesen getrieben, mal in Lübbenau, mal in Cottbus, mal in Zeischa. Sind bestimmte Städte oder Dörfer prädestiniert für solche Taten, steckt System dahinter?
Bleiben wir beim Landkreis Elbe-Elster. Hier zeigt sich, wie unterschiedlich anfällig eine Region für Rechtsextremismus sein kann. Im gesamten Landkreis herrscht eine fast gleich hohe Arbeitslosigkeit. Doch nur an der Südgrenze gab es die meisten Wähler einer rechtsextremen Partei in ganz Brandenburg, mit bis zu 26 Prozent. Das sind nicht alles Protestwähler wie von Politikern gern behauptet. Entscheidend für dieses Wahlverhalten sind Entwertungserfahrungen. Im Norden des Landkreises sind die Arbeitslosen nicht entwertet worden, weil es immer noch Jobs in der Landwirtschaft gibt. Es gibt Wiedereinrichter, Kleinbauern, die auch am Dorfleben beteiligt sind und damit ihre Identität behalten. Dagegen hatten die Süddörfer ihren Wohlstand der Industrie zu verdanken. Ein Dorf wie Plessa hat von der Braunkohlengrube und vom Kraftwerk gelebt. Diese Industrie gibt es nicht mehr. Eine Identität als Heizer im Kraftwerk kann es heute als Lebensperspektive nicht mehr geben – da ist etwas abgebrochen.

Gilt diese Erklärung für Sie auch für die rechtsextremen Ausschreitungen in den anderen Städten und Dörfern?
Das Klima in diesen Kleinstädten ist der Nährboden dafür. Dahinter stehen Entwertungserfahrungen, die zu Radikalisierung und Fundamentalopposition führen können. Die funktioniert derzeit in der Bundesrepublik über Rechtsextremismus, über die NPD oder die DVU, denn eine ernst zu nehmende linksextreme Alternative gibt es praktisch nicht.

Waren Klima und Entwertungserfahrung auch für die Tat des 20-Jährigen aus Weißwasser entscheidend, der Kinder in einem Ferienheim mit Hakenkreuzen und Hitlerbärtchen bemalt hat?
Auch Weißwasser war ein bedeutender Ort mit einer weit ausstrahlenden Glasindustrie. Die ist, glaube ich, zu 90 Prozent verschwunden. Wenn ein 20-Jähriger aus Spaß, wie er selbst sagt, Kinder mit Hakenkreuzen bemalt, dann ist er sich überhaupt nicht klar, wie das nach außen wirkt. Das ist für ihn „normal“ , nur ein Scherz. Dass sein Verhalten Ausdruck eines bestimmten Milieus ist, das ist ihm nicht klar. Hinzu kommt die Unfähigkeit, sich von außen wahrzunehmen: Wie wirkt mein Handeln auf Menschen, die nicht zu meiner „Wir-Gruppe“ gehören?

Bürgermeister, Polizei oder Politiker sprechen oft von dummen Jungs oder von Auswärtigen, die über die Stränge geschlagen haben.
Lübbenau ist ein Beispiel dafür. Dort reagiert der Bürgermeister sehr gut, aber es wird in der Stadt versucht, sich darauf zu einigen, dass „Hooligans“ die Campinggäste mit rechten Sprüchen angepöbelt haben. Da wird der rechtsextreme Kontext in der örtlichen Diskussion einfach mal weg delegiert, um Imageschaden zu vermeiden. Aber wenn dort schon unpolitische Fußball-Fans rechtsextreme Sprüche absondern, frage ich mich: Wie weit verbreitet ist das rechtsextreme Klima in diesen Milieus?

Wer entscheidet denn, wann die Grenze zum Rechtsextremismus überschritten wird?
Der entscheidende Punkt ist nicht nur in Lübbenau, dass versucht wird auf den allgemeinen Kommunikationsebenen den Blickwinkel zu verbiegen. Die Wirklichkeit zeigt sich aber nur aus der Sicht der Opfer. Die Campinggäste sagen, das war rechtsextrem, und sie haben Recht, weil es auch so gemeint war. Ob es ein Hooligan war, der solches sagt, ein dummer Junge oder ein NPD-Mitglied – das interessiert die betroffenen Menschen doch überhaupt nicht.

Welche Wirkung auf das angesprochene Klima hat es, wenn ein Bürgermeister sagt, das waren keine Nazis?
Ich glaube, ein Bürgermeister oder ein Politiker sagt das nicht absichtlich so. Sie entsprechen ihrem Selbstbild, sie betrachten sich als Problemlöser. Die Wirklichkeit wird von ihnen dann so beschrieben, dass nicht herauskommt, dass sie ratlos sind.

Aber Polizisten und normale Bürger verhalten sich oft auch so und sagen: Das waren keine Nazis.
Ja, weil sie nicht wissen, was sie angesichts des Problems sonst tun sollen. Aus Hilflosigkeit definiere ich das Problem weg.

Ist das nicht auch verständlich? Politiker und Bürgermeister sehen doch, wie Städte wie Müggeln oder Hoyerswerda durch das Medien-Echo nach rechtsextremen Ausschreitungen stigmatisiert werden. Den Effekt verstärken sie doch nur, wenn sie offensiv mit dem Thema umgehen.
Das ist eine rationale Handlung. Die Kommunen zeigen sich aber unfähig, Rechtsextremismus als ein System zu erkennen, das auf vielen Ebenen in ihr Gemeinwesen eingreift. Wenn Kommunen nicht nur auf mechanische Gegenmaßnahmen setzen würden nach dem Motto, jetzt tun wir mal was gegen Rechtsextremismus, sondern auf Bürgerbeteiligung und Engagement – dann würde der stigmatisierende Effekt ausbleiben.

Hat das nicht auch mit einem Mangel an Konfliktfähigkeit zu tun?
Diese Erfahrung habe ich gemacht, als ich mal eine SPD-Ortsgruppe zum Thema Rechtsextremismus beraten habe. Sie wollten wissen, wo sie dabei mit ihrer Parteiarbeit ansetzen können. Die wollten aber nicht in die Plattenbausiedlungen zu den Hartz-IV-Leuten, zu den Nichtwählern, wo das Problem sitzt. Warum nicht? Da werden wir nur bepöbelt, hieß es. Das ist bei den anderen Parteien ja genau so. Aber mit diesen Menschen umzugehen, kann man lernen. Gerade an sie müssten die etablierten Parteien rankommen.

Was können Sie einem Bürgermeister, einer Stadt konkret empfehlen? Wie gehen sie richtig mit dem Problem Rechtsextremismus um?
Sie müssen die Wahlmöglichkeiten erhöhen. Das gilt nicht nur für Möglichkeiten, das Kreuzchen zu machen. In Dörfern und Kleinstädten ist das Spektrum von Jugendkulturangeboten oft zu schmal. Man darf den Jugendlichen aber auch nicht einfach nur etwas hinstellen, zum Beispiel eine Skaterbahn. Sie müssen sich, was sie wollen, erkämpfen. Dann hat eine Stadt engagierte Jugendliche.

Die Mitglieder der Jugendfeuerwehr von Groß Gaglow sind engagierte Jugendliche. Trotzdem trugen sie ein Hitlerzitat auf ihren T-Shirts.
Weil es auch in Groß Gaglow ein entsprechendes Klima dafür gibt. Anfang der Neunziger gab es dort rechtsextreme Aktivitäten und einen Nazi-Treffpunkt. Und auch in Groß Gaglow kommt wieder eine kollektive Entwertungserfahrung dazu. Das Dorf war relativ wohlhabend, es gibt dort ein großes Gewerbegebiet. Aber dann kamen die Neubausiedlungen der wohlhabenden Cottbuser dazu. Das knabbert am Selbstwertgefühl, genauso wie die Zwangseingemeindung. Die Dorfbewohner fühlten sich kolonialisiert und reagierten mit Fundamentalopposition. Die Jugendlichen wussten sicher nicht, dass Adolf Hitler diesen Spruch „Flink wie die Windhunde“ und so weiter 1935 auf der Parteitagsrede der Nationalsozialisten in Nürnberg geprägt hat. Aber sie wussten hundertprozentig, dass er aus der Nazizeit stammt.

Nun gibt es also diese Entwertungserfahrungen und das daraus entstehende Klima. So schnell entsteht aber kein Gegen-Klima aufgrund von Aufwertungserfahrungen.
Aufwertungserfahrungen sind nicht zwangsläufig an mehr Arbeitsplätze geknüpft. Der Rechtsextremismus ist die Schwäche von uns Demokraten. Wenn rechtsextrem gewählt wird, hat das damit zu tun, dass Öffentlichkeit und Diskurs zu sehr eingeschränkt sind. In Cottbuser Wohnkomplexen gibt es Hauseingänge, da kommen mehrere Jahre Jugendgefängnis zusammen. Die jungen Leute haben ihre Taten oft auch in diesen Vierteln begangen. Meiner Meinung nach hat das damit zu, dass dieser Raum praktisch nicht mehr öffentlich ist, man lebt verschanzt. Wenn man um die Wohnblöcke ein wenig Gartenland für die Mieter bereitstellen würde, hätten dort Rentner ihre Pflanzen und wären plötzlich draußen im öffentlichen Raum. Sie würden wahrnehmen und wahrgenommen werden.

Die Region hat doch eher das Problem, gut (aus)gebildete junge Leute zu halten, die das Klima verbessern könnten. Sie machen Abitur und gehen weg. Gleichzeitig wird die Bevölkerungsschicht größer, die nicht in der Lage ist, Selbstwert-Erfahrungen zu machen – außer der, deutsch zu sein.
Was erfahren Jugendliche in ihren Familien? Denen wird gesagt: Du musst gute Noten haben und dann weg gehen, damit etwas aus dir wird. Das ist keine freiheitliche Lebensperspektive. Wichtig ist doch, die Spielräume zu vergrößern, vor Ort Wahlmöglichkeiten zu schaffen. Zum Beispiel durch Genossenschaftsmodelle für finanzschwache Unternehmensgründer. Nur kein Mensch redet mit den jungen Leuten darüber.

Gartenland um Wohnblöcke, Genossenschaftssmodelle für Junge – das klingt, als wolle man mit Handschippen das Meer zuschütten.
Rechtsextremismus ist nur eine Pfütze. Wie viele Mitglieder hat denn die NPD in Brandenburg oder die DVU? Allerdings hat die Pfütze das Potenzial, ein Meer zu werden, wenn wir das Klima nicht ändern. Ich habe nur Beispiele genannt. Eine Vielzahl solcher kleinen wertschätzenden Konzepte kann ein kommunales Klima drehen. Eine demokratisierte Gesellschaft macht Rechtsextremismus machtlos.

Welchen Anteil können Schule und Bildung haben, das Klima zu ändern, zum Beispiel Geschichtsunterricht?
Ich halte den Geschichtsunterricht wie er bundesweit praktiziert wird, für ganz falsch. Kinder erleben in der Familie zu Hause am Frühstückstisch oder bei Geburtstagsfeiern emotional angebundene Geschichte, die in der Gegenwart beginnt, dann die DDR- und NS-Zeit als Generationenthema mit einbezieht. Im Unterricht wird aber auf diese erlebte Geschichte nicht eingegangen, da wird mit den Sauriern angefangen. So ein Unterricht berührt nicht die Lebenswirklichkeit der Kinder.

Mit DIRK WILKING sprachen
Tim Albert und Daniel Preikschat