"Welcome" steht auf einem Holzschild am Eingang des Dschungels. Das wilde Lager am Rande der nordfranzösischen Stadt Calais beherbergt rund 3700 Menschen unter miserablen Bedingungen. Die Bilder von Flüchtlingen, die im Herzen Europas unter Planen hausen und im Schlamm waten, gingen um die Welt.

Doch solche Bilder soll es bald nicht mehr geben, denn "la jungle" soll evakuiert werden. Die bis zu 2000 Flüchtlinge aus dem südlichen Teil sollen bis heute Abend in ein benachbartes Containerdorf oder in andere Lager in Frankreich umziehen.

Alternativen, die für die Hilfsorganisationen keine sind. "Wir sind die Ersten, die die Lebensbedingungen hier kritisieren", sagt Loïc Blanchard, der Rechtsbeauftragte von Médecins du Monde, im Gespräch mit der RUNDSCHAU. "Aber man kann das Lager nicht einfach aus Prinzip zerstören, ohne den Flüchtlingen danach eine würdige Unterkunft zu bieten."

Die Container, die seit Januar direkt neben den Dschungel stehen, gehören für ihn nicht dazu. "Das sind Schiffscontainer, in denen 13 Leute schlafen", kritisiert er. Die Flüchtlinge könnten dort nicht kochen und müssten jedes Mal, wenn sie das abgesicherte Gelände verlassen, ihre Handabdrücke hinterlassen. "Das macht den Leuten Angst."

Auch die zweite Lösung, die Präfektin Fabienne Buccio anbietet, trägt laut Blanchard nicht. Die Flüchtlinge sollen mit Bussen in andere Lager gebracht werden, die überall in Frankreich entstanden sind. "Teilweise wurden Ferienlager dafür hergenommen, die im Sommer wieder belegt sind. Das ist doch auch keine Dauerlösung."

In den vergangenen Tagen hätten sich ohnehin nur etwa hundert Einwohner des Dschungels zu einem Umzug in einen anderen Teil Frankreichs bereit erklärt. "Die wollen hier alle nach England und sind deshalb in Calais.

Schon seit Jahren ist die Hafenstadt am Ärmelkanal Zwischenstopp für tausende Migranten, die von dort aus mit der Fähre oder auf Zügen durch den Eurotunnel nach Großbritannien weiterwollen. Doch der Ansturm überfordert die 70 000-Einwohner-Stadt, die von der Regierung in Paris lange mit ihren Problemen allein gelassen wurde. Vor rund einem Jahr drängten die Behörden die Flüchtlinge aus den kleinen Camps in der Innenstadt in den Dschungel rund fünf Kilometer östlich von Calais.

Im Sommer lebten bis zu 6000 Menschen in der wilden Siedlung in den Sanddünen, die als größter Slum Europas gilt. Im September ging die Zahl der Bewohner dann zurück. Mehr als 2600 Flüchtlinge seien in andere Lager umgezogen, teilte Innenminister Bernard Cazeneuve mit. 80 Prozent von ihnen hätten Asyl in Frankreich beantragt. Wenn es nach ihm geht, kann die Umsiedlung so weitergehen.

Bis heute Abend hat Präfektin Buccio den Flüchtlingen Zeit gegeben, den südlichen Teil des Dschungels freiwillig zu verlassen. Danach droht der Einsatz der Polizei. Allerdings versuchen mehrere Hilfsorganisationen, darunter Médecins du Monde, mit einer einstweiligen Verfügung die Evakuierung noch zu stoppen. Sie wollen mit den Behörden über eine "echte Lösung" verhandeln.

Im Containerdorf sind ohnehin nur noch 300 Plätze frei - viel zu wenig für die Bewohner des südlichen Lagerteils. Die meisten von ihnen zögern, dem Dschungel den Rücken zu kehren, denn das Zeltdorf mit Läden, Kirchen und Schule ist für sie zu einer Art Zuhause geworden. "Hier gibt es immerhin eine gewisse Struktur", sagt Blanchard. Das sei in anderen Lagern wie Grande Synthe in der Nähe von Dünkirchen nicht der Fall. "Wenn Calais evakuiert wird, ziehen die Flüchtlinge einfach dorthin weiter. Da ist dann alles noch schlimmer für sie."