Hochhackige Schuhe lässt die 39-jährige Hannoveranerin lieber zu Hause, ehe sie über den Zebrastreifen sprintet. Die Hoffnung, dass Autofahrer für Fußgänger wenigstens bei Dauerregen oder Schneegestöber bremsen, hat sie schnell aufgegeben.
In der Tat scheinen viele polnische Autofahrer nur das Gaspedal zu kennen - und das hat dramatische Folgen. Im vergangenen Jahr kamen 4800 Menschen auf Polens Straßen ums Leben. Damit steht Polen europaweit an der Spitze im Vergleich zu den anderen EU-Staaten. Zwar hatte Italien eine ähnlich hohe Zahl von Verkehrstoten, aber dies bei doppelt so vielen Einwohnern, rechnete die "Gazeta Wyborcza" nach. Und auch die jährlich etwa 5000 Verkehrstoten in Deutschland seien im Pro-Kopf-Vergleich eher geeignet, dem Straßenverkehr in Polen mit Vorsicht zu begegnen.
Inzwischen ist selbst die EU-Kommission besorgt über die Folgen der rauen Sitten auf polnischen Straßen. Denn bei einer Untersuchung der Unfallursachen wird schnell klar, dass nicht allein die schlechte Infrastruktur und der Zustand vieler polnischer Straßen schuld sind. Rücksichtslose Fahrweise, zu hohe Geschwindigkeit, riskante Überholmanöver und Alkohol am Steuer werden immer wieder bei schweren Unfällen als Unglücksursache ermittelt.

Der für Verkehr und Transport zuständige EU-Kommissar Jacques Barrot hat der "Gazeta Wyborcza" zufolge nun bei der polnischen Regierung Taten angemahnt. Denn vom Ziel, die Zahl der Verkehrstoten in der EU bis zum Jahr 2010 zu halbieren, ist EU-Neuling Polen noch weit entfernt - in den vergangenen fünf Jahren ging die Zahl der Menschen, die im Straßenverkehr ums Leben kamen, in Polen um lediglich 3,4 Prozent zurück. In Frankreich dagegen konnte ein Rückgang der Verkehrstoten um zwölf Prozent erreicht werden.
Mehr Radarfallen und eine strenge Bestrafung von Temposündern forderte Barrot - zusammen mit dem Ausbau des polnischen Straßennetzes. "Wir können den Feststellungen der EU nur zustimmen", sagte Pawel Biedziak, Pressesprecher der polnischen Polizei. An Einfällen mangelt es den Ordnungshütern nicht: Kürzlich überraschten Warschauer Polizisten Autofahrer beim morgendlichen Stau mit Alkoholkontrollen.
Vielen Autofahrern fehlt allerdings die Einsicht. Vor allem in den frommen ländlichen Regionen leistet deshalb auch die Kirche ihren Beitrag zur "Zivilisierung" der Verkehrssünder. Nachdem am Namenstag des heiligen Christopherus, des Schutzpatrons der Reisenden und Autofahrer, Priester die "Zehn Gebote für Autofahrer" verteilen, werden in Südostpolen Raser in mehreren Gemeinden vom Pfarrer abgekanzelt. An den Pranger gestellt fühlen sich auch jene, die ihren Namen im Schaukasten der heimischen Kirchengemeinde finden, wenn sie als rücksichtslose Fahrer einen Unfall verursacht haben.
Ob diese Maßnahmen aber dazu führen, dass Polen-Besucher wie Sylvia Geissler die Straßen ohne mulmiges Gefühl überqueren können, bleibt fraglich.