| 02:45 Uhr

Ratschläge für heikle Eltern-Gespräche über die Vergangenheit

Erinnerung wachhalten beim Lichtfest in Leipzig. Junge Leute von heute wollen wissen, wie ihre Eltern die Wende erlebt haben.
Erinnerung wachhalten beim Lichtfest in Leipzig. Junge Leute von heute wollen wissen, wie ihre Eltern die Wende erlebt haben. FOTO: dpa
Berlin. "Wenn ich Fragen stelle, wird das oft als Angriff gesehen", sagt Mandy. Die 30-jährige Görlitzerin steht vor der Tür des Berliner Collegium Hungaricum und raucht. Benjamin Lassiwe

Drinnen findet gerade das diesjährige "Generationstreffen" der "3ten Generation Ostdeutschland" statt, eines 2011 von der gebürtigen Rostockerin Adriana Lettrari gegründeten, losen Zusammenschlusses von Wendekindern, die sich mit ihrer Vergangenheit und ihrer Rolle im vereinten Deutschland beschäftigen.

Auch Mandy interessiert sich für die Vergangenheit ihrer Familie. Als 1989 die Mauer fiel, war sie noch ein Kind, doch ihre Eltern sprechen ungern über diese Zeit. Am Samstag kam Mandy deswegen zum Generationstreffen. Insgesamt 120 junge Leute, darunter überdurchschnittlich viele Studenten und Akademiker, tauschten sich in Arbeitsgruppen aus, lauschten Podiumsdiskussionen und Vorträgen. Zum Beispiel von Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), der die Gelegenheit nutzte, um für die Mark zu werben. "Ich komme gerne zu Ihnen, weil Sie ein ganz fröhlicher Haufen sind", sagte Platzeck. Wer sich heute für Ostdeutschland und die Wendezeit interessiere, könne zu einer Trendumkehr beitragen: Rückkehr statt Abwanderung. "Gemeinsam können wir etwas bewegen und aus Ostdeutschland etwas machen." Die jungen Ostdeutschen freilich suchten vor allem nach Tipps für den Umgang mit ihrer Elterngeneration.

Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) konnte da nicht helfen: Als sie zusammen mit dem Zeit-Autor Christoph Dieckmann an einer Podiumsdiskussion teilnahm, erzählte sie von ihren eher atypischen DDR-Erfahrungen. Vom Leben als Kind selbstständiger Tanzlehrer, von der Mitgründung des Demokratischen Aufbruchs, vom evangelischen Pfarrhaus in einem kleinen Dorf in Thüringen. "Die Kirche war einer der wenigen Orte, wo man Demokratie lernen konnte", sagte Göring-Eckardt. "Das Pfarrhaus war ein geschützter Raum, wir hatten Telefon - und bei uns saßen Leute in der Küche, die auf den Anruf ihres im Ausland lebenden Bruders warteten."

"Was ist denn mit den Eltern, die in der SED waren", fragte eine Teilnehmerin aus dem Publikum. Dabei sei es viel schwerer, mit ihnen über die Wendethematik zu sprechen, als mit Bürgerrechtlern oder Kirchenleuten. Das sah auch der Psychologe Hans-Joachim Maaz. Er verwies darauf, dass die Repression und die klaren Ansagen des DDR-Systems auch vielen Menschen Halt gegeben hätten. "Zu allen Sachargumenten gibt es eine psychische Komponente", sagte Maaz. "Diese muss man entdecken um zu verstehen." Nachdrücklich forderte er die jungen Ostdeutschen auf, mit ihren Eltern ins Gespräch zu kommen. Am Ende sollte eine "neue Beziehungskultur" zwischen Alt und Jung stehen, so Maaz.

Der Journalist Dieckmann dagegen betonte, dass in allen Debatten über die DDR die "Dimension des inneren Menschen" fehle. "Fragen Sie Ihre Eltern danach, wie sie die Wende erlebt haben", riet er. "Aber wenn die Antwort unbefriedigend ist: Treten Sie ihnen trotzdem mit Liebe und Respekt für den Rest ihres Lebens entgegen." Nicht alles sei immer politisch gewesen. "Da haben die 68er geirrt."