Nach zwei Stunden Debatte waren alle zufrieden miteinander, so schien es. Aber dann beharrte der aus Schwerin gekommene Regierungschef darauf, dass er doch recht gehabt habe mit seiner Feststellung, die DDR dürfe nicht als ein Staat verdammt werden "in dem es nicht das kleinste bisschen Gutes gab".

Da wurde erneut klar, dass der Jurist Sellering, der aus dem Westen kam, und Eppelmann, der widerständige CDU-Pfarrer aus dem Osten Berlins, sich zwar gegenseitig mit Komplimenten überhäufen konnten, aber beim persönlichen Blick auf die Vergangenheit nie und nimmer einen gemeinsamen Nenner finden würden.

Der Ministerpräsident verteidigte vor einem vornehmlich aus Leidtragenden des SED-Regimes bestehenden Publikum früherer DDR-Bürger wieder und wieder die Ostdeutschen, "die es nicht verdient haben, als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden" und zu denen er sich 1994 gesellt habe. Und er gab dann das kleine bisschen an DDR-Erfahrung preis, das er erlebt hatte. Bei zwei Transitreisen sei ihm klar geworden, dass auch Westdeutsche verängstig und eingeschüchtert reagiert hätten. Das beweise, dass man sich heute "auf Augenhöhe" begegnen müsse.

Eppelmann erzählte aus dem DDR-Alltag, in denen es aus seiner Sicht manche Schurken, viele Mitläufer und zuweilen auch Helden gegeben habe. Da habe er Lehrer und Polizisten erlebt, die kalt und unmenschlich gewesen seien, aber auch SED-Mitglieder, die ihm geholfen hätten.

Höflich und "mit dem nötigen Respekt", wie beide immer wieder sagten, redeten Eppelmann und Sellering ansonsten davon, dass ein Streit um Begriffe nicht weiterhelfen wird bei der Verarbeitung dessen, was die DDR ausmachte. Und kaum weniger gesittet kamen anschließend die zahlreichen Einwände aus dem Publikum an die Adresse des Schweriner Sozialdemokraten, er möge doch bitte die nicht vergessen, die damals drangsaliert wurden.

Sellering wurde in Antwort darauf nicht müde, zu erklären, dass die DDR kein Rechtsstaat, sondern eine Diktatur gewesen sei. "Die Täter können sich nicht auf mich berufen", sagte er zu den "Menschenrechtsverletzungen" in der DDR. Aber es habe eben auch gute Ansätze gegeben wie beispielsweise das Abitur nach der zwölften Klasse, das jetzt ja überall in der Bundesrepublik übernommen werde. Ihm gehe es vor allem darum, dass mit der Vereinigung "etwas Neues" entstanden sei und die früheren DDR-Bürger ein Recht auf Respekt vor ihrer Lebensleistung hätten. Deswegen sei die Schweriner Koalition mit der Linkspartei auch eine gute Sache gewesen, denn die habe "das Zusammenwachsen befördert".

E ppelmann, sonst ein wortgewaltiger Mann, schien zuweilen fast schon sprachlos angesichts dieser Mischung aus westdeutscher Erinnerung und Fürsorge. Man solle "nicht leichtfertig" mit unterschiedlichen Erfahrungen umgehen, sagte er und forderte in seinem als Schlusswort gedachten Resümee Respekt auch für die SED-Opfer ein. Darauf folgte dann als allerletztes erneut der Satz Sellerings vom "bisschen Guten". Die gut besuchte Veranstaltung löste sich in Ratlosigkeit auf .