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| 01:07 Uhr

Rasante Sozialministerin

„Frisches Blut“ soll sie in das sächsische Kabinett bringen. Auf der neuen Sozial- und Gesundheitsministerin Helma Orosz lastet nach der Affäre um ihre Vorgängerin Christine Weber ein enormer Erwartungsdruck. Bis vor einer Woche leitete die 50-Jährige noch als Oberbürgermeisterin die Geschicke in Weißwasser. Die RUNDSCHAU besuchte die Ministerin an ihrem ersten Arbeitstag in ihrem neuen Dresdner Büro. Von Jürgen Becker <br> und Joachim Langner

Das 50-Quadratmeter-Zimmer im dritten Stock des weißen Zweckbaus verströmt den Muff der 70er-Jahre: Massive braune Einbauschränke, schwere Ledersofas, einige Grünpflanzen, Mineralwasser und ein paar Gläser auf einem ovalen Besprechungstisch. Ein wuchtiger Winkel-Schreibtisch begrenzt die hintere Ecke an diesem Ort, an dem die Zeit stillgestanden zu sein scheint. In ihrem fliederfarbenen Hosenanzug wirkt die grazile Ministerin Helma Orosz hinter der Büro-Tür mit der Nummer 323 wie ein fröhlicher Farbtupfer in einer Wüstenei.
Es ist ihr erster Bürotag in ihrem neuen Leben, das vergangenen Donnerstag mit ihrer Vereidigung als sächsische Sozial- und Gesundheitsministerin begonnen hat. Lampenfieber hatte sie. Ein Kribbeln im Bauch spürte sie. Gleich ihre ersten Reden im Landtag hatte sie zu halten, die sie mit Beispielen aus ihrer kommunalpolitischen Praxis würzte. Und dann kam der Moment, als sie sich ihren Mitarbeitern im eigenen Ministerium vorstellte. „Die Verunsicherung war im Haus zu spüren“ , sagt Helma Orosz. „Ich habe in erwartungsvolle Gesichter geschaut.“
Der Terminplan für den ersten Bürotag der Ministerin liest sich denn auch wie das Zuständigkeitsregister ihres Ressorts: Morgens geht’s als erstes um das Katastrophen- und Rettungshilfegesetz, dann stimmt sich Helma Orosz mit der Koordinierungsstelle des Ministeriums ab, gibt Interviews, berät sich über die Präventionspartnerschaft Schule, Jugend, Polizei und das Thema Sucht. Schließlich empfängt sie ihren Staatssekretär Albin Nees, schließt sich mit ihren Referatsleitern kurz, bevor sie am Abend auf Vertreter der AOK trifft und im Auto noch Akten studiert.
Zwischendurch aber, da nimmt sie sich die Zeit, um für sich selbst eine 1,5- bis 2-Raum-Wohnung in Dresden zu suchen. „Mein erster Wohnsitz bleibt aber in Weißwasser.“ Und sie geht in die Kantine, um sich eine Ei-Schnitte und ein Leberwurstbrötchen zu besorgen und den Menschen dort mal kurz „Hallo“ zu sagen.

Nicht um politische Ämter gedrängt
„Das Zwischenmenschliche, die Atmosphäre ist mir wichtig“ , erklärt sie. Das nimmt man der gelernten Krippenerzieherin gerne ab. Auch Sätze wie „Ich bin seit meiner Kindheit im Innersten meiner Seele ein sozialer Mensch“ oder „All die Jahre habe ich mich als Sozial-Dezernentin im Niederschlesischen Oberlausitz-Kreis pudelwohl gefühlt. Es hat mich nicht nach der politischen Karriere gedrängt“ gehen ihr glaubwürdig über die Lippen.
Die politisch ruhigere Sommerpause will die Ministerin nutzen, um sich in ihre neue Aufgabe einzuarbeiten, ihre Mitarbeiter besser kennenzulernen. „Meinen fachlichen Drang habe ich mir bis heute erhalten“ , sagt sie. „Deshalb bin ich jetzt hier. Und um die Chance zu nutzen, zu beweisen, dass ich nicht aus der Provinz bin, sondern mit meiner kommunalpolitischen Erfahrung auch auf höherer Ebene etwas bewegen kann.“
Gelegenheit, sich im neuen Büro richtig einzurichten, hatte Helma Orosz dabei noch gar nicht. Nur wenige persönliche Dinge schmücken bislang das Zimmer: Zwei Fotos mit Enkel Toni und der erwachsenen Tochter hat sie auf ihren Schreibtisch gestellt, ein originalgetreues Mercedes-Modell ihres OB-Dienstwagens mit NOL-Kennzeichen steht direkt daneben. An die Wand, an der noch Beleuchtungskabel baumeln, will sie zwei Bilder hängen, die ihr etwas bedeuten: Ein buntes, von dem sie der Pückler-Park in Bad Muskau anlacht. Und eines, das sie mit den Worten umschreibt: „Die Tat spielt eine wichtige Rolle, aber man darf das Ziel nicht aus den Augen verlieren.“
Dieses Bild steht zugleich für ihren Arbeitsstil. „Ich bin offen für alles“ , erklärt sie. „Über den Weg, wie man am besten zu einem Ziel gelangt, lasse ich gerne mit mir reden. Wichtig ist dabei aber, dass man sich diesem Ziel auch nähert.“
Die Richtung ist für Helma Orosz dabei klar. „Ich denke, dass die Bürger zunehmend informiert sind, dass Deutschland nur eine Chance hat, wenn jeder einzelne mehr Selbstverantwortung übernimmt“ , sagt sie. „Mit dem bisherigen Status-Quo wird es nicht weitergehen.“

Irgendwie ist alles in Bewegung
Helma Orosz muss nicht lange nachdenken, bevor sie etwas sagt. Und sie spricht nicht nur viel, sondern vor allem auch schnell. Dabei fahren ihre Hände ständig durch die Luft. Ihre wachen, grün-braunen Augen wandern unentwegt von Zuhörer zu Zuhörer. Irgendwie scheint diese Frau das Tempo zu lieben.
Da ist zum Beispiel ihr rasanter politischer Aufstieg. Nach nur zwei Jahren als Oberbürgermeisterin in Weißwasser erhielt sie die Berufung zur Ministerin. Und da ist ihr „rasanter Fahrstil, um schnell zu Hause zu sein“ , wie sie selbst sagt. Auch der Flensburger Verkehrssünder-Behörde ist das Tempo, das Helma Orosz in alten Zeiten zuweilen schon vorlegt hat, zumindest nicht unbekannt.