Dann gleiten beide Finger der 21-Jährigen über die nächste Zeile, genauer gesagt über die Punkte der Blindenschrift (Braille). Um den Hals der jungen Frau hängt ein Schild: Isabell Pfeufer, Germany. Außerdem: ICC - International Camp on Communication & Computers, August 2006.
Am ICC, das derzeit in der Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte in Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald) stattfindet, nehmen 200 Jugendliche teil. Die 15- bis 20-Jährigen kommen aus ganz Europa: Von Litauen bis Irland, von Italien bis Finnland. Sie sind sehbehindert oder blind, wie Isabell. "Lesen und schreiben, das mache ich lieber am Computer", sagt sie. Alles was Isabell dafür braucht, ist eine Braillezeile an der Tastatur, mit der sie jede Zeile ertasten kann, die auf dem Schirm erscheint. Der Screenreader beschreibt über Lautsprecher die Position des Cursers und erklärt, welche Bildschirmfenster sich öffnen.
"Für Jugendliche wie Isabell ist der Computer ein Werkzeug zum selbstbestimmten Leben", sagt Joachim Klaus, Geschäftsführer des Studienzentrums für Sehgeschädigte in Karlsruhe und Organisator des ICC. Die Jugendbegegnung findet seit 1993 jedes Jahr in einem EU-Land statt, vor sechs Jahren in Stuttgart, 2007 in Finnland.
"Den blinden und sehbehinderten Jugendlichen werden moderne Informations- und Kommunikationstechniken näher gebracht, damit sie besser auf die Ausbildung, das Studium und das Arbeitsleben vorbereitet sind", sagt Klaus. Isabell hat kürzlich einen jungen Informatiker aus Detroit/USA kennen gelernt - beim Chatten. Wütend sei sie gewesen, als er ihr vorgeworfen habe, dass sie - wenn sie blind sei - nicht so schnell schreiben könne. Isabell schreibt mit zehn Fingern. Und sie ist schnell.
Die Jugendlichen tüfteln während der zwei Wochen in Königs Wusterhausen an Text- und Tonprogrammen. In einem Workshop wird Flash ausprobiert, ein Programm für interaktive Animationen im Web. In einem anderen arbeiten sie mit einem taktilen Interaktions-Display, der es blinden Menschen ermöglicht, etwa Grafiken zu ertasten.
"Der Computer ist für blinde Menschen das Tor zur Welt", weiß Gerhard Jaworek (38), Netzwerkadministrator am Karlsruher Studienzentrum für Sehgeschädigte. Er ist von Geburt an blind. Ob Zeitungs- oder Zugfahrplanlesen: Der Anschluss ans Netz bringe ihm eine deutliche Erleichterung beim Organisieren des Alltags.
"Durch den Computer bin ich viel flexibler", sagt Isabell. Im Frühjahr hat sie ihr Abitur gemacht, ab Herbst wird sie studieren: Sonderschulpädagogik. Mit dem rechten Zeigefinger fährt die 21-Jährige über das Wort der letzten Zeile. Es ist das Ende eines Liedes, das sie im Workshop geschrieben hat. "I never forget the night, when he was holding me tight and everything was just right". Isabell rappt, den Kopf hält sie dabei ruhig, die Augen kneift sie zusammen. "Schnulzig", sagt sie, faltet das Blatt Papier und steckt es in ihre Tasche. Sie brauche es nicht mehr. Die guten Raps hingegen habe sie alle sauber sortiert - und auf dem Computer gespeichert.