Die jüngsten Szenarien für die Bevölkerungsentwicklung Brandenburgs sind so erschreckend, dass im Kabinett die Alarmglocken schrillen. Es war kein Zufall, dass das Thema auf der jüngsten Spar-Klausur der Regierung in Belzig als erster Tagesordnungspunkt behandelt wurde. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) vergatterte denn auch alle Minister, bis zum Sommer die Auswirkungen der demographischen Trends für jedes Ressort zu untersuchen und Gegenstrategien zu entwickeln.

Sand in Augen gestreut
Die Zeit drängt, nachdem die Dramatik von der früheren Stolpe-Regierung weitgehend ignoriert worden war. Dabei liegen fundierte, detaillierte Prognosen von Landesumwelt- und Statistikamt schon seit Mai 2001 vor. Ein Ministerialer: "Man streute sich zu lange Sand in die Augen, weil Brandenburg jahrelang das einzige Ost-Bundesland war, in dem die Bevölkerung wuchs."
Doch inzwischen ist die Realität angekommen, weist Stolpe-Nachfolger Platzeck auf die "größte Herausforderung" der kommenden Jahre hin. Im Kabinett wird vor der drohenden "öffentlichen Verelendung des ländlichen Raumes" in Brandenburg gewarnt. Und Sozialminister Günter Baaske (SPD) mahnt in einer der RUNDSCHAU vorliegenden Analyse, wo "die Landesregierung rechtzeitig reagieren muss". Die Zeiten, wo man sich dadurch täuschen ließ, dass die Gesamtbevölkerung Brandenburgs (jetzt rund zwei Millionen) bis zum Jahr 2015 lediglich um 21 400 Menschen abnehmen wird, sind vorbei.

Kluft zum Berliner Umland wächst
Denn die Fakten dahinter sprechen eine andere Sprache: Während das Berliner Umland weiter wächst, bald jeder zweite Brandenburger dort lebt, werden die Randregionen rund 175 600 Menschen verlieren, jeden zehnte Bewohner. Das entspricht der Bevölkerung des gesamten Landkreises Barnim. Der Rückgang der Einwohnerzahlen von Cottbus sowie der Kreise Oberspreewald-Lausitz und Elbe-Elster wird mit 13,5 und 13,4 sowie 11,8 Prozent prognostiziert. In beiden Landkreisen ist der Rückgang von rund ein Zehntel der Bevölkerung darauf zurückzuführen, dass mehr Menschen sterben, als geboren werden.
Die Kluft, die das Armutsgefälle zwischen dem dynamischen Umland und den berlinfernen Regionen wachsen lässt, hat damit eine weitere bislang weitgehend unbeachtete Wirkung. Sie verschärft in Brandenburg den Trend zu einer "älter werdenden Gesellschaft", in der im Jahr 2050 jeder dritte Deutsche älter als 60 Jahre sein wird. Nach den Baaske-Papieren wird der Anteil der Senioren in Brandenburg besonders rapide steigen. So wird 2015 bereits jeder vierte Brandenburger älter als 65 Jahre sein, wobei die Gruppe der über 80-Jährigen besonders stark wächst. 1999 waren das 75 000 Menschen, 2015 werden es 143 000 sein. "Damit wächst auch die Zahl der chronisch Kranken, der multimorbiden und der alten Menschen mit Behinderungen, die der medizinischen Versorgung und Pflege bedürfen", heißt es. Nicht nur, dass deshalb Pflegekräfte knapp werden. "Die Abwanderung junger Menschen aus dem äußeren Entwicklungsraum wird bei Pflegebedürftigkeit ihrer Eltern besondere Versorgungsprobleme verursachen."
Für die Randregionen müsse, so der Sozialminister, über neue Versorgungsformen nachgedacht werden. Das Stichwort: Wiedereinführung der Gemeindeschwester. Baaskes Prognose: Wenn es nicht gelinge, die häusliche Pflege auf dem heutigen Stand von 75 Prozent zu halten, "werden die Sozialhilfekosten für stationäre Unterbringung explodieren".
Nicht viel rosiger sind die Aussichten auf der anderen Seite des märkischen Lebensbaums. Danach werden junge Leute schon in wenigen Jahren so knapp, dass sich Brandenburgs Firmen - trotz einer hohen strukturellen Langzeitarbeitslosigkeit - auf einen Fachkräftemangel einstellen müssen.

Strategie für modernes Brandenburg
Angesichts dieser dramatischen Entwicklungen wird, diese Einsicht wächst in der märkischen Politik, das gesamte Land in seinen Strukturen grundlegend reformiert werden müssen. Braucht man künftig noch Ausbildungsförderung„ Wird es weiter vier kreisfreie Städte mit - außer Potsdam - schwindenden Einwohnerzahlen, vierzehn Landkreise geben können“ Wie viel Gerichte, wie viel Krankenhäuser, Gefängnisse, Polizisten benötigt dieses veränderte Brandenburg noch?
Die Antworten müssen schnell gefunden werden, um in Zeiten schwindsüchtiger Kassen neue Millionengräber zu vermeiden. Noch fehlen sie, noch fehlt die Strategie für ein "modernes Brandenburg" im Jahr 2020.