Es gibt nur wenige Kulturlandschaften in Europa, die sich so radikal verändern wie die Lausitz. Nicht erst in der DDR wurden die alten Bauerndörfer vom Kohlebagger umgepflügt. Nach ihrem Ende fressen dessen Schaufeln zwar weiter, aber längst nicht mehr mit so großem Appetit. Die Tagebau- flutet zur Seenlandschaft, Natur erobert Terrain zurück. "Wir haben manchmal das Gefühl, dass unser Auge und unser Gedächtnis nicht präzise genug sind, um diesen Wandel zu erkennen. Also eine Aufgabe für Künstler, insbesondere für Fotografen, die uns mit ihren präzisen und künstlerisch vertiefenden Abbildern der Realität zeigen, was die Lausitz heute ist, und ahnen lassen, was sie morgen, schon in fünf oder zehn Jahren, sein wird."

Mit diesen Worten beschreibt Rolf Kuhn im Vorwort zu "Liebe Lausitz", warum er als Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land in den Jahren 2000 bis 2010 elf international renommierte Künstler gebeten hat, diesen Transformationsprozess im Bild festzuhalten.

Die Fotos aus dem vorliegenden Band (kein luxuriöses Coffeetable-Ungetüm, sondern ein preisgünstig schmales Format) sind im Abschlussworkshop im September 2012 entstanden. Sie zeigen also kein Vorher-Nachher, sondern den Istzustand der Region. Was alle Fotografen sichtlich inspiriert hat, sind die halb öde, halb atemberaubende Weite der Landschaft, die tiefen Horizonte mit imposanten Wolkengebilden, die schimmernden Wasserflächen, die Furchen, Linien und Geometrien der maschinell zerwühlten Erde, die bizarren Architekturen der Förderbrücke F 60, der Biotürme, von Kraftwerken und schwimmenden Häusern.

Jeder Fotograf fasst diese Motive auf seine Weise auf. Einige Beispiele: Jochen Ehmke und Norbert Kaltwaßer zeigen uns die Landschaft in Schwarz-Weiß zu edel-stählerner Glätte ästhetisiert. Uwe Jacobshagen fängt mit der Lochkamera unscharf die Atmosphäre ein. Der Cottbuser Thomas Kläber hat seine Aufnahmen zu Triptychen (dreigeteilten Bildern) arrangiert, in denen er Muster, Licht- und Schattenverläufe kontrastieren lässt. Der Bautzener Jürgen Matschie verewigt die nüchterne Architektur Welzower Arbeitersiedlungen und verschiedener Zweckarchitekturen. Lebewesen (von Pflanzen mal abgesehen) finden sich kaum auf den Bildern. Beim Polen Marek Maruszak grast eine Schafherde vor Windrädern. Beim Franzosen Pierre Valet gerät immerhin ein einsamer Spaziergänger am Großräschener See vor die Linse. Gleich zweimal finden sich dagegen als Motiv zarte Tierspuren in glattem Sand - sie symbolisieren die werdende Lausitz als fast noch jungfräulich-unbetretenes Neuland mit offener Zukunft.

Vom Thema her verwandt ist der Bildband "Die vergessenen Orte der Arbeit" des Leipziger Fotografen Maix Maier. Auch hier hat es der Betrachter mit Relikten der DDR-Industrie zu tun. Diese sind allerdings nicht im Wandel zu etwas Neuem begriffen, sondern dem Verfall und drohenden Abriss preisgegeben. Maier hat die leerstehenden Fabrikarchitekturen von zehn abgewickelten "Volkseigenen Betrieben" fotografiert, darunter der VEB Waggonbau Görlitz, der VEB Zetti Schokoladen und Zuckerwaren Zeitz und der VEB Brau- und Malzkombinat Sternburg. Wo einstmals Tausende von Menschen arbeiteten und lärmten, steht nun die Zeit beinahe still.

Der Fotograf bildet die Räume in einfachen, direkten Perspektiven ohne Verfremdungseffekte ab. Skelettierte Beton- und Ziegelwände, bröckelnder Putz, Kabelschlaufen, Rohrleitungen, zu Scherben zerborstene Fenster und weitere Relikte bieten sich dem Blick wie begehbare Kunstinstallationen dar.

Sogar die von Jugendlichen hinterlassenen Grafitti mit Liebes- und anderen Botschaften sind schon verblasst. Sie erzählen zusammen mit Partyüberresten wie Bierflaschen von den Emotionen, die an diesen Orten auch nach der Stilllegung noch heimlich getobt haben.

Beide Bildbände öffnen auf eindrucksvolle Weise die Augen - für den Wandel der Zeit, den melancholischen Zauber des Verfalls und die versteckten Schönheiten unserer alltäglichen Umgebung.