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| 01:33 Uhr

Radioaktive Milch im Bezirk Cottbus

Cottbus. Für viele Menschen könnten sich die Spätfolgen des Tschernobyl-Unglücks vom 26. April 1986 nach Ansicht von Fachleuten erst jetzt bemerkbar machen. Nach dem Unfall im Kernkraftwerk war die Milch in der Cottbuser Region radioaktiv verseucht – doch die DDR-Regierung schwieg dazu. Von René Wappler

Ein brisanter Brief lag im Mai 1986 auf dem Schreibtisch des Ministerrats-Vorsitzenden Willi Stoph. Der Präsident des Staatlichen Amtes für Strahlenschutz der DDR, Professor Georg Sitzlack, warnte ihn: "Die höchsten Werte weist die Milch in den östlichen Kreisen des Bezirkes Cottbus mit 50 Prozent bis 700 Prozent des Grenzwertes auf." Ähnlich hoch hat der Wert in den vergangenen Tagen bei vielen Lebensmitteln in der Nähe des japanischen Kernkraftwerks Fukushima gelegen.

Doch die DDR-Führung entschied sich damals dagegen, die Menschen im Bezirk Cottbus zu informieren. Schließlich hatte Fernseh-Chefagitator Karl-Eduard von Schnitzler kurz zuvor in seiner Sendung "Der Schwarze Kanal" eine Devise ausgegeben, die erahnen ließ, wie die Regierung mit dem Tschernobyl-Unfall umgehen würde: "Niemand will etwas verharmlosen, abschwächen oder Ursachen vernebeln", erklärte Karl-Eduard von Schnitzler - um dann festzustellen: "Es wird Schlussfolgerungen geben. Und es gibt Entwarnung."

Land ohne Katastrophen

Vor allem aber gab es Geheimhaltung. So sagt der einstige Cottbuser Stadtverordnete Dr. Klaus Lange: "Tschernobyl existierte nicht als Thema in der Kommunalpolitik, genau so wenig wie der vorherige Absturz eines Jagdfliegers ins Cottbuser Bildungszentrum mit zwei Verletzten." Katastrophen kamen in der DDR nur hinter vorgehaltener Hand vor.

So zogen Willi Stoph und andere Politiker auch keine Konsequenzen aus der Nachricht, die Milch im Gebiet bei Cottbus sei radioaktiv verseucht. Ähnlich wie Salat und andere kontaminierte Lebensmittel wurde sie vermutlich in Geschäften verkauft und an Schulen verteilt. Dabei dürfte für viele Kinder von damals, die diese Milch tranken, erst heute ein bitterer Nachgeschmack eintreten. Thomas Dersee von der Gesellschaft für Strahlenschutz sagt: "Langfristig kann diese Dosis zu Krebs führen - wir sprechen hier von einem Zeitraum, der bei 20 bis 30 Jahren liegt."

Schockiert zeigen sich Fachleute wie Helmut Schnapperelle, der früher am Veterinärmedizinischen Institut in der Bezirksstadt arbeitete. Ihm sei nichts von radioaktiver Milch bekannt gewesen, versichert er. "Die Milch kam aus Betrieben im ganzen Bezirk Cottbus, und wie man damit umging, das wurde nur in obersten Funktionärskreisen verhandelt", sagt Helmut Schnapperelle.

Die radioaktive Wolke zog in den ersten Tagen nach dem Unfall im sowjetischen Kernkraftwerk an Cottbus und Umgebung vorbei, ohne dass Regen fiel. Damit blieb die Gegend auch von radioaktivem Fallout verschont. Meteorologe Carsten Schneider, der damals Messungen in der Stadt vornahm, erinnert sich: "Zum Glück verzeichneten wir für unser Gebiet eine Trockenphase." Regen fiel nach Angaben der Wetterstation Grötsch erst ab 7. Mai wieder - in Heinersbrück, Bärenbrück und anderen Nachbarorten von Cottbus.

Zahl der Totgeburten stieg

Warum wies die Milch trotzdem diese starken radioaktiven Werte auf? Thomas Dersee von der Gesellschaft für Strahlenschutz gibt eine mögliche Erklärung: "Vielleicht wurden die Kühe damals mit hochbelastetem Gras gefüttert, das nicht aus der Cottbuser Region stammte."

Während Karl-Eduard von Schnitzler im "Schwarzen Kanal" wenige Tage nach dem Unglück bereits von Entwarnung sprach, traten bald erste Folgen zutage. Nach Angaben der Umwelt-Organisation Greenpeace stieg die Zahl von Totgeburten und Säuglingssterblichkeit allein im Jahr 1987 in der DDR um 8,2 Prozent. In Berlin häuften sich Fälle des Down-Syndroms.

Zu den Langzeitfolgen für die Menschen existieren derzeit nur Indizien. Das Deutsche Krebsregister stellt für die Jahre 2001 bis 2005 in der Stadt Cottbus eine überdurchschnittliche Häufung von Darmkrebserkrankungen fest. Für 66 Patienten endete die Krankheit tödlich. Außerdem vermerkt die Statistik einen leicht erhöhten Anteil von Leukämie bei Männern. Beide Krankheiten können nach Auskunft der "Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" als späte Folge radioaktiver Strahlung auftreten.

Dennoch gibt Dr. Ulrike Bandemer-Greulich vom Tumorzentrum am Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum zu bedenken: "Analysen der Krebserkrankungen sind schwierig vorzunehmen, da man auch die Bevölkerungswanderung betrachten müsste."

Und viele Schulkinder von damals haben die Lausitz inzwischen gen Westdeutschland verlassen.