Eigentlich ist Gudrun Zühlke zufrieden. Fast täglich fährt sie mit dem Rad, auch bei schlechtem Wetter. „Radfahren ist Erholungszeit, im Stau stehen nicht.“ Dass die Stuttgarterin eine Lanze für das Radfahren bricht, überrascht nicht: Sie ist schließlich Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) in Baden-Württemberg. All ihre Termine, die Wege zur Arbeit und ihre tägliche Besorgungen erledigt sie mit dem Rad. Sie ist sich sicher: Das ginge auch auf dem Land.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bezeichnete das Fahrrad als „urbanes Verkehrsmittel der Zukunft“, sein Ministerium stellt sich Deutschland als „Fahrrad-Pendlerland“ vor. Gerade auf dem Land sieht es jedoch nach dem Gegenteil aus: Nur sieben Prozent der Wege werden dort mit dem Rad zurückgelegt. In Städten sind es gut doppelt so viele. Klar ist, eine Mobilitätswende funktioniert nur mit dem Rad. Was muss getan werden, damit das Umsteigen gelingt?

Erheblicher Nachholbedarf

„Die Menschen auf dem Land wünschen sich das Gleiche wie die Menschen in der Stadt: Sichere Wege, mit einer guten Oberfläche, die getrennt vom Autoverkehr verlaufen“, sagt der Verkehrswissenschaftler Michael Hardinghaus vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Etwa 2700 Kilometer straßenbegleitende Radwege gibt es derzeit in Brandenburg. Stefan Overkamp, Landesvorsitzender des ADFC, sieht dennoch „ganz erheblichen Nachholbedarf“. Beim Radtourismus liege das Bundesland weiterhin im bundesweiten Vergleich vorn, nicht jedoch beim Alltagsverkehr. „Es gibt abgehängte Regionen, wo man in das nächste Dorf nur entlang von Bundesstraßen ohne Radwege fahren kann.“

Radwege parallel zu Bundesstraßen planen

Ein Vorschlag aus dem Bundesverkehrsministerium zielt auf dieses Problem: „Wenn eine Bundesstraße saniert oder neu gebaut wird, muss ein Radweg daneben mitgeplant werden“, sagt Minister Scheuer. 1,4 Milliarden Euro will sein Haus bis 2023 in den Radverkehr investieren. Neubau und Sanierung von Radwegen liegen allerdings in der Hand von Ländern und Kommunen. Sie können nun finanzielle Unterstützung beim Bund beantragen.

In den vergangenen 15 Jahren ist der Anteil des Fahrrads am Verkehrsaufkommen in Brandenburg von 17 Prozent 2002 auf elf Prozent 2017 gesunken. Damit liegt das Land zwar im deutschen Durchschnitt, aber der Rückgang wirft Fragen auf. Aus Sicht des Potsdamer Infrastrukturministeriums sind die Gründe klar: Im Vergleich zu 2002 habe die Mobilität der Jugendlichen abgenommen, zugleich seien mehr Menschen berufstätig. Da mehr Menschen arbeiteten, pendelten auch mehr. Mit im Schnitt 21,4 Kilometern müssen die Brandenburger zudem deutlich längere Wege zurücklegen als anderswo.

Nicht das Mittel der Wahl

„Gerade im ländlichen Raum ist das Fahrrad nicht das Mittel der Wahl, wenn es um Bequemlichkeit und Zeitersparnis geht“, sagt Stefan Overkamp vom ADFC. „Pendeln ist nicht unmöglich, aber es wird den Menschen unnötig schwer gemacht.“ Gerade das im Land gut ausgebaute touristische Radnetz berge Potenzial: „Die Fernradwege verbinden wichtige Zentren und es ist sinnvoll, diese Synergien zu nutzen.“ Voraussetzung dafür ist aus Sicht des ADFC, dass auch das Land neue Radwege planen kann und die Hoheit nicht ausschließlich bei den Kommunen liegt. „Wir brauchen Landesradwege als Kategorie im Straßengesetz, analog zu den Landesstraßen.“ In Baden-Württemberg ist dies der Fall.

Doch nur mehr ausgewiesene Radstrecken genügen nicht. „Intermodalität spielt im ländlichen Raum eine große Rolle“, sagt Michael Hardinghaus. Für den Weg zur Arbeit nutzen viele Menschen mehrere verschiedene Verkehrsmittel. Deshalb brauche es, so Hardinghaus, Mobilitätszentren im ländlichen Raum. „Radverkehr und öffentlicher Nahverkehr müssen aufeinander abgestimmt werden.“ Konkret bedeute das: gut an ein Radwegenetz angebundene Bahnhöfe, ausreichend sichere Abstellmöglichkeiten, Ladesäulen für Pedelecs.

Auch dafür will der Bund Geld zur Verfügung stellen. Der fahrradfreundliche Umbau von Bahnhöfen soll zudem mit der Radverkehrsstrategie 2030 des Landes gefördert werden. Auch hier gilt jedoch, dass die Kommunen Planung und Bau übernehmen müssen. Finanzielle Mittel sind also da – sie müssen aber auch abgerufen werden.