Mit zwei abgesägten Gewehren in der Hand, die Hose präpariert mit selbst gebasteltem Sprengstoff, war der maskierte 18-Jährige gegen 9.30 Uhr zur ersten großen Pause auf den Schulhof getreten. Eineinhalb Stunden später fanden ihn Spezialeinsatzkräfte der Polizei tot im 2. Obergeschoss des grauen Zweckbaus. Er hat sich nach Angaben der Ermittler selbst getötet. Drei Jungen, ein Mädchen und ein Hausmeister wurden von seinen Schüssen getroffen. Insgesamt wurden 27 Menschen verletzt.
Die Aktion war anscheinend lange geplant. Der 18-Jährige hatte im Internet einen Abschiedsbrief hinterlassen. Dort brachte er seinen Hass der Schule gegenüber zum Ausdruck, sprach von Lehrern, die in sein Leben eingegriffen und ihn auf einem "Schlachtfeld" zurückgelassen hätten. Die Schule habe ihn zu einem Verlierer gemacht. Er kündigte Vergeltung an. "Ich will Rache", schrieb er und: "Ihr müsst alle sterben."

Heute Prozess wegen Waffenbesitz
Möglicherweise stand die Aktion in der Schule auch in Zusammenhang mit einem Prozess vor dem Amtsgericht in Rheine. Dort sollte sich der 18-Jährige laut Staatsanwaltschaft heute wegen unerlaubten Waffenbesitzes verantworten. "Kein Bulle hat das Recht mir meine Waffe wegzunehmen", heißt es in dem Brief des Einzelgängers unter anderem. Am Ende entschuldigt er sich für die Tat und schließt mit den Worten: "Ich bin weg . . . ". Der Vater des Täters brach nach Polizeiangaben gestern zusammen und wird auf einer Intensivstation behandelt.
Was sich auf dem Pausenhof der Geschwister-Scholl-Schule genau abgespielt hat, versuchen die Spezialisten von Polizei, Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt erst noch nachzuvollziehen. Die Schulleiterin und ihr Stellvertreter standen am Nachmittag noch unter Schock. Auch vielen der mehr als 600 Schülerinnen und Schüler, die in einem benachbarten Schulgebäude untergebracht und psychologisch betreut wurden, fehlen die Worte. "Wir sind richtig in Panik geraten", sagte Miriam, als sie den Tathergang aus ihrer Sicht nachvollzieht. Auch Katja (15), eine ehemalige Mitschülerin aus der Parallelklasse des 18-Jährigen, gesteht: "Ich war total geschockt."
Sicher ist, dass um 9.28 Uhr ein Notruf bei der Polizei eingegangen ist. Innerhalb weniger Minuten seien die Beamten am Ort des Geschehens gewesen, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ingo Wolf (FDP) später. Das Katastrophen-Szenario der Polizei, das nach dem schrecklichen Blutbad in einem Erfurter Gymnasium im Jahr 2002 bundesweit entwickelt worden war, habe reibungslos funktioniert. Die Polizei sei "sehr systematisch" zu Werke gegangen.
Der Hass des Täters auf seine ehemalige Schule und seine Frustration müssen grenzenlos gewesen sein. Mitschüler berichteten, er habe schon vor Jahren ein Attentat angekündigt. Der junge Mann, stets in schwarz gekleidet und oft in einen bodenlangen Ledermantel gehüllt, sei ein Einzelgänger gewesen, habe keine Freunde gehabt. Viele beschreiben ihn als Sonderling, viel Zeit soll er auf Friedhöfen verbracht haben. Angeblich hat er sich oft die Zeit mit gewaltverherrlichenden Computerspielen vertrieben, die Schule in den Szenarien auch als Tatort hingestellt, sagten Mitschüler.

Schock und Rauchgasvergiftungen
Einen Tag vor seinem Gerichtstermin warf der 18-Jährige auf dem Schulhof Rauchbomben, verletzte ehemalige Mitschüler und eine Lehrerin. Dann drang er in das Gebäude ein. Ob er dort phasenweise Geiseln in seiner Gewalt hatte, ist bisher nicht geklärt. Fünf Menschen verletzte er mit Schüssen. Sechs weitere Mitglieder der Schulgemeinschaft und 16 Polizisten erlitten einen Schock und Rauchgasvergiftungen. Noch Stunden nach dem Tod des 18-Jährigen musste die Schule weiträumig abgeriegelt werden. Die Polizei befürchtet, dass auch im Auto des Mannes und in weiteren Räumen des Schulgebäudes Sprengstoff sein könnte.