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| 01:13 Uhr

Rabbiner für ganz Europa kommen aus Brandenburg

Potsdam.. Die dritte Hürde hat sie gerade hinter sich. Die Deutschprüfung und die Studienzulassung hatte Alina Treyher aus Poltawa in der Ukraine bereits abgelegt. Jetzt war das Hebraicum an der Reihe. Denn die 26-Jährige will Rabbinerin werden. dpa

Seit 2004 studiert sie an Deutschlands einziger Ausbildungsstätte für Rabbiner, dem Abraham-Geiger-Kolleg an der Universität Potsdam.
Sie ist die einzige Frau unter den derzeit zwölf Studierenden. 2009 will sie ihren Abschluss machen. "Meine Geschichte hat mit der Geschichte der Sowjetunion zu tun", erzählt die zierliche junge Frau mit modischem Haarschnitt. "Ich gehöre zu der Generation Jugendlicher, die einen Zugang zur Religion bekommen hat." Nach dem Zerfall des Staates erlebten die Minderheiten eine Renaissance und auch die jüdische Kultur der Ukraine begann, sich neu zu entwickeln.
Als erstes interessierte sich Treyher für jüdische Musik. Sie fing an, selbst Musik zu machen. Später begann sie, sich aktiv am Gemeindeleben zu beteiligen. Aber auch das reichte ihr nicht. "Ich wollte mehr über das Judentum wissen", sagt die Potsdamer Studentin. "Es hat mich ernsthaft beschäftigt." Sie ging nach Moskau und studierte zwei Jahre am Institute of Progressive Judaism.

Studium im Ausland teurer
"Weil ich eine Frau bin", begründet sie knapp ihr Engagement bei der Union Progressiver Juden und lacht. In orthodoxen Kreisen dürfte sie keinerlei religiöse Aufgaben übernehmen, auch bei den Konservativen wären ihre Möglichkeiten begrenzt. Und das Selbstverständnis der liberalen Juden gefällt ihr besser als die Beschränkung auf Traditionen und das Praktizieren des Glaubens, erzählt Alina Treyher. "Da gibt es viele Gemeinsamkeiten mit der evangelischen Kirche."
Mit der Moskauer Ausbildung hätte sie Jugendleiterin oder Gemeindearbeiterin werden können. Doch Alina Treyher verlangt es nach mehr: Sie will Gottesdienste leiten, Predigten halten und die jüdische Religion als Rabbinerin weitergeben. In Potsdam bot sich die Gelegenheit, dem Ziel ein gutes Stück näher zu kommen.
"Wir decken einen Markt ab, der vorher gar nicht bedient wurde", nennt Rabbiner Walter Homolka den Grund für das 1999 eingerichtete Geiger-Kolleg. Ein Rabbiner-Studium war vorher nur in Großbritannien, den USA, Israel und Ungarn möglich. Doch die Gebühren dort sind hoch und Stipendien nicht ohne Weiteres zu haben.
Zudem reichten sie oft nicht für Lebensunterhalt und Studium. So ist es ihm auch selbst trotz mehrerer Stipendien in London ergangen. "Ich musste einiges an Arbeit aufwenden, um das finanzieren zu können", erzählt der promovierte Niederbayer, der bereits Chef von Greenpeace Deutschland und der Kulturstiftung der Deutschen Bank war. 1997 wurde er als Rabbiner ordiniert, nun ist er Direktor des Kollegs in Potsdam. Dessen finanzielle Zukunft ist allerdings weiter ungewiss.
Homolka nennt einen weiteren Grund für die Gründung der Ausbildungsstätte: Nachdem der Zentralrat der Juden in Deutschland in den 90er- Jahren einer Frau ein Stipendium für London mit der Begründung verweigert habe, es bestehe kein Bedarf an Rabbinerinnen, stand für Homolka die Entscheidung fest: "Es muss eine Ausbildung möglich sein, ohne dass man dem Zentralrat ausgeliefert ist."

Erster Absolvent 2006
Als Standort bot sich Potsdam an, weil jüdische Studien dort bereits an der Universität gelehrt werden. Zudem ist Berlin nahe, wo bis 1942 die "Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" ihren Sitz hatte. Dann schlossen die Nazis die Einrichtung, zu der 1836 der Rabbiner Abraham Geiger (1810 bis 1874) den ersten Anstoß gegeben hatte.
"We train Rabbis for Europe" steht flott als Motto über dem Jahresbericht. Der Bedarf sei "unendlich", sagt Homolka. Allein in Russland stünden für 140 jüdische Gemeinden nur wenige Rabbiner zur Verfügung, in Deutschland sind es etwa 20 für 100 Gemeinden mit 100 000 Mitgliedern. "Und liberale Rabbiner gibt es sowieso zu wenig."
Der erste Absolvent des Geiger-Kollegs will 2006 seine Ausbildung abschließen und danach in Oldenburg und Delmenhorst Rabbiner werden. Die dem Zentralrat angehörende Gemeinde finanziert bereits seine Ausbildung. (epd/uf)