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| 02:38 Uhr

Quecksilber vom Kraftwerk auf den Teller

Im Fokus der Umweltschützer: Kohle-Kraftwerke wie dieses in Jänschwalde.
Im Fokus der Umweltschützer: Kohle-Kraftwerke wie dieses in Jänschwalde. FOTO: dpa
Berlin. Die Kohle-Abgabe von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) erhitzt die Gemüter. Viel wird über drohenden Job-Abbau und Strukturwandel geredet – Umweltschützer warnen nun: Alte Meiler stoßen auch gefährliches Quecksilber aus, das am Ende auf den Tellern der Verbraucher landet. dpa/bob

Die Greenpeace-Aktivisten rücken im Morgengrauen mit ihren Beamern an. Auf die riesigen Kühltürme von sieben Kraftwerken projizieren sie Totenkopf-Bilder und den Spruch "Kohle tötet". Mit dieser Lichtshow wollten die Umweltschützer vor ein paar Wochen darauf aufmerksam machen, dass bei der Stromproduktion vor allem aus Braunkohle nicht nur schädliche Treibhausgase freigesetzt werden, sondern auch das giftige Schwermetall Quecksilber.

Jetzt legt Greenpeace mit einer Studie nach. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. Während in Deutschland die Schlacht um die von Bundeswirtschaftsminister Gabriel geplante Klimaschutz-Strafabgabe für die Braunkohle tobt, versammeln sich Anfang Juni im spanischen Sevilla europäische Experten, um über künftige EU-Schadstoffgrenzen auch für Kohle-Kraftwerke ab dem Jahr 2020 zu beraten. Für Quecksilber gibt es bislang europaweit gar keine einheitliche Obergrenze.

Greenpeace fürchtet, dass die EU nicht den Mut hat, der durch den Vormarsch von Wind- und Sonnenstrom ohnehin gebeutelten Kohle-Industrie ähnlich strenge Vorgaben wie die USA vor die Nase zu setzen. Dort dürfen bestehende Braunkohle-Kraftwerke nicht mehr als 4,8 Mikrogramm Quecksilber pro Kubikmeter Abluft ausstoßen, bei der Steinkohle sind es 1,5 Mikrogramm. In der EU ist ein Jahresgrenzwert von zehn Mikrogramm für Braunkohle-Meiler im Gespräch, der in Deutschland bereits ab 2019 gelten wird.

Greenpeace fordert, den Ehrgeiz zu verzehnfachen - auf ein Mikrogramm: "Mit schon heute verfügbaren Technik kann der Quecksilberausstoß in Kohlekraftwerken um 80 Prozent reduziert werden", meint Energie-Experte Andree Böhling. Einige deutsche und ausländische Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke würden schon seit Jahren weniger als drei Mikrogramm schaffen. Die Kosten für eine Nachrüstung aller Kraftwerke seien überschaubar.

Unbestritten ist die Gesundheitsgefahr, die von dem Schwermetall ausgeht. Die Mediziner und Toxikologen Peter Jennrich und Fritz Kalberlah sind besorgt. Die Quecksilber-Belastung in Deutschland, dem größten Emittenten in Europa, sei deutlich zu hoch. "Jedes dritte in der EU geborene Baby kommt heute mit zu hohen Quecksilberwerten zur Welt", meint Kalberlah. Das Umweltbundesamt verweist hingegen auf eine Pilotstudie, für die in 17 EU-Ländern Haarproben von jeweils 120 Kindern sowie von deren Müttern untersucht worden. Im Mittel wiesen die Kinder 0,145 Mikrogramm Quecksilber pro Gramm Haar auf - die deutschen Kinder aber nur 0,055 Mikrogramm.