Trauer und Verzweiflung über den qualvollen Feuertod ihres Sohnes stehen der zierlichen Frau aus Afrika ins Gesicht geschrieben, das sie immer wieder unter einem weiß-geblümten großen Tuch verbirgt. Zwei Jahre nachdem der Asylbewerber aus Sierra Leone in einer Zelle des Polizeireviers Dessau ums Leben kam, sollen im Prozess gegen zwei Polizisten die Umstände geklärt werden. Der Afrikaner war festgenommen worden, weil er in alkoholisiertem Zustand Frauen belästigt und Widerstand gegen Polizisten geleistet haben soll.
Internationale Prozessbeobachter sind nach Dessau gekommen, so auch aus Südafrika. "Die Mutter wird bis zum Urteil hier bei uns bleiben", sagte Razak Minhel, Leiter des Multikulturellen Zentrums. Ein Bauunternehmer habe ihr das Flugticket bezahlt, Menschen in Dessau Geld gesammelt, damit die mittellose Frau während der Dauer des Prozesses versorgt werden kann.
Während im Gericht der Prozess beginnt, fordern rund 50 Afrikaner vor dem Gebäude zusammen mit Einwohnern von Dessau Aufklärung. "Wie ein Mensch im Schutz der Polizei bei einem Brand ums Leben kommen kann, verstehe ich einfach nicht", sagt ein Freund des Opfers. Viele wollen dabei sein, wenn die angeklagten Polizisten erstmals gehört werden, werden aber rigoros abgewiesen. "Alle Plätze sind voll. Niemand kommt mehr rein", sagt eine Justizbeamtin. Viele der noch gut 50 Menschen stehen seit mehr als zwei Stunden vor dem Gericht und gehen nun schimpfend nach Hause.
Unterdessen verliest Oberstaatsanwalt Christian Preissner im Saal die Anklageschrift. Sie wird Jallohs Mutter direkt übersetzt. Dabei bricht sie immer wieder in Tränen und lautes Schluchzen aus. Der Bruder des Opfers nimmt seine Mutter tröstend in den Arm.
Ihnen gegenüber sitzen zwei Polizisten auf der Anklagebank. Der damalige Dienstgruppenleiter soll den Rauchmelder aus der Zelle zweimal ignoriert und zu spät reagiert haben. Sein Kollge soll bei einer Durchsuchung das Feuerzeug übersehen haben. "Nach dem Öffnen der Gewahrsamszelle gelang es nicht mehr, das Leben von Oury Jalloh zu retten. Er starb spätestens sechs Minuten nach dem ersten Signal des Rauchmelders infolge eines Hitzeschocks", sagt der Oberstaatsanwalt. "Der Angeklagte hätte das Leben von Oury Jalloh retten können." Wie das Opfer an Händen und Füßen gefesselt mit einem Feuerzeug den Brand entfacht haben soll, ist unklar. Die angeklagten Polizisten bestreiten die Vorwürfe.
Während des emotional aufgeladenen Prozessauftakts sichern Polizisten aus Furcht vor gewaltsamen Protesten das Gebäude. Als ein Polizist ein Plakat mit der Aufschrift "Das war Mord" entfernt, droht die hasserfüllte Stimmung zu eskalieren. Durch beherztes Beruhigen der Menge durch die Organisatoren bleibt es aber ruhig. Das Gericht kündigte Verhandlungstermine bis zum Mai an.