Vom Ukraine-Konflikt lässt sich Kremlchef Wladimir Putin die Laune unter den Palmen von Sotschi nicht verderben. Mit demonstrativer Lässigkeit beobachtet der Präsident am Sonntag im Schwarzmeer-Kurort das erste Formel-1-Rennen in Russland. Die schwere Krise im Nachbarland kommentiert er nicht, obwohl die im Frühjahr annektierte Halbinsel Krim nur 500 Kilometer von Sotschi entfernt liegt.

Doch Putin lässt wortlos Taten sprechen: Überraschend ordnet er den Abzug von 17 600 Soldaten aus dem Grenzgebiet zur Ukraine an. Ihr Manöver sei beendet, teilt der Kreml lapidar mit. Der Westen hatte den Truppenaufmarsch stets kritisiert. Dass Putins Befehl kurz vor einem geplanten Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko komme, sei sicher kein Zufall, sagt der Politologe Dmitri Trenin. Er warnt aber vor überzogenen Erwartungen an das Gespräch, das am Rande eines Gipfels in Mailand stattfinden soll. Nach 3600 Toten sei eine schnelle Lösung der Ukraine-Krise nicht in Sicht. "Es herrscht Eiszeit", meint der Experte des Moskauer Carnegie Centers.

Wie frostig die Stimmung zwischen Russland und dem Westen ist, wird am Wochenende erneut deutlich. Gespräche mit Moskau werde es vorerst nicht geben, bestätigte ein Regierungssprecher in Berlin. In den vergangenen Jahren hatten parallel zum Petersburger Dialog stets hochkarätige Treffen stattgefunden. Nun aber reisen zu dem Forum Ende Oktober nicht einmal alle Menschenrechtler.

Mehrere deutsche Nichtregierungsorganisationen boykottieren das Treffen wegen der russischen Ukraine-Politik und den Repressalien Moskaus gegen russische Organisationen.

Begleitet vom Dröhnen der Motoren in Sotschi dürfte Putin auch über seine Strategie in der Ukraine-Krise, der wohl schlimmsten Krise seit Ende des Kalten Krieges nachgedacht haben. Die Sanktionen des Westens setzen der russischen Wirtschaft zu, der sinkende Ölpreis ist für die Rohstoffmacht mehr als schmerzhaft. Zudem verliert der Rubel täglich an Wert. Investoren ziehen seit Monaten massenweise Geld ab, für 2014 rechnet Moskau mit einer Kapitalflucht von 80 Milliarden Euro. Putin stehe unter enormem Handlungsdruck, schreibt die Moskauer Zeitung "Wedomosti".

Doch trotz Soldatenabzug und Poroschenko-Treffen rechnet kaum ein Beobachter in Moskau mit einem baldigen Einlenken Putins. Demonstrativ unterstützt der Kreml die für November geplanten Wahlen in den ukrainischen Separatistenhochburgen Donezk und Lugansk, mit denen die Führung der Aufständischen "legitimiert" werden soll. Putin sei wohl nicht an einer Eroberung der Ostukraine gelegen, wohl aber an einer Fortdauer des Konflikts, meint der Militärexperte Pawel Felgenhauer. Ein möglicher Beitritt der Ukraine zur EU oder zur Nato wäre damit auf Jahre blockiert.

Russlands starker Mann sucht zwar das Gespräch mit dem Westen. So will Putin im November zum G20-Gipfel nach Australien reisen. Aber längst hält er auch nach anderen Allianzen Ausschau. An diesem Montag rollt Moskau dem chinesischen Regierungschef Li Keqiang den roten Teppich aus. Das Reich der Mitte hat wachsenden Energiehunger, den Russland stillen möchte. Die Ukraine-Krise spielt dabei für Peking eine untergeordnete Rolle. Die EU- und US-Sanktionen gegen Russland lehnt China ab.

Gleichwohl versteht Putin die Olympia-Stadt Sotschi wohl als Rückzugsort vor Debatten über schwere Konflikte. Nach dem Rennen fachsimpelt er mit dem deutschen Fahrer Nico Rosberg darüber, wie viel Gewicht ein Formel-1-Pilot während des Wettkampfs verliert. "Mit Politik hat Sport rein gar nichts zu tun", ließ er schon vorher wissen.