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| 02:43 Uhr

Pücklers vergessenes Relikt zu Tage gefördert

Archäologen haben am gestrigen Montag der Öffentlichkeit erstmals die Fundamente eines Chinesischen Turms von Fürst Pückler im Tagebauvorfeld Nochten vorgestellt.
Archäologen haben am gestrigen Montag der Öffentlichkeit erstmals die Fundamente eines Chinesischen Turms von Fürst Pückler im Tagebauvorfeld Nochten vorgestellt. FOTO: Joachim Rehle/jor1
Weißwasser. Im Tagebau Nochten graben sich Archäologen seit Jahren durch die Schichten der Geschichte. Dabei haben sie nun den Chinesischen Turm von Fürst Pückler entdeckt. Doch die kulturgeschichtlichen Überreste des umliegenden Jagdparks werden bald überbaggert. Bernhard Schulz

Von der Anhöhe im Tagebauvorfeld Nochten erstreckt sich eine majestätische Weite. Mitte des 19. Jahrhunderts umrankte ein dichter Mischwald einen Jagdpark südwestlich von Weißwasser. Der berühmte Fürst Hermann von Pückler (1785-1871) residierte dort auf einem nahegelegenen Jagdschloss, zwischen Wiesen und dem Märchensee. Eine gute Wahl für einen Aussichtsturm, der keine drei Stunden Kutschfahrt von seinem Muskauer Park und Schloss entfernt lag. 1843 ließ er eine chinesische Variante errichten. Drei Jahrzehnte lang reckte sich das Bauwerk rund 30 Meter in die Höhe. Dann verfiel es. Und geriet in Vergessenheit.

Eineinhalb Jahrhunderte später kniet Peter Schöneburg über den Resten des Relikts. Der Regen peitscht dem Grabungsleiter vom sächsischen Landesamt für Archäologie ins Gesicht. Und doch kann er seine Freude über diese Sternstunde am gestrigen Montag nicht verbergen. "Die historischen Funde in Pücklers Jagdpark haben uns im Nochtener Tagebau besonders interessiert", sagt Schöneburg zur Präsentation der Überreste des Chinesischen Turms.

Bereits Ende Januar hatten seine Kollegen die Fundamente des Bauwerks entdeckt. Entscheidende Hinweise auf den Standort des Turmes hatten sich zuvor aus einer historischen Urflurkarte von 1862 ergeben. Ein kleines Team von drei Mitarbeitern machte sich an die archäologische Ausgrabung. Minutiös legen sie die Struktur mehrerer Gebäude frei, die nur wenige Kilometer von der näher rückenden Tagebaukante entfernt liegen.

Ein quadratischer Grundriss von zehn mal zehn Metern mit massiven Punktfundamenten wurde somit zutage gefördert. Die Landesarchäologen gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass auf diesen Granitsteinen Pücklers Chinesischer Turm ruhte. "Gelegen auf einer Anhöhe innerhalb des umzäunten Jagdparks und in einer Entfernung von 400 Metern vom Schloss war dies der ideale Standort für die Errichtung eines Aussichtsturmes", erklärt Schöneburg.

Um den Fund auch darüber hinaus zu belegen, haben er und sein Team Archive durchforstet. Dabei stießen sie auf einen Brief Pücklers aus den 1830er-Jahren an seine Frau Lucie, in dem er das Vorhaben des Turmbaus schilderte und eine handgefertigte Skizze beifügte. Außerdem belegt eine Lithografie des Chinesischen Turmes aus den Jahren 1849/50 und ein zeitgenössischer Zeitungsartikel den Fund. Es ist verbrieft, dass Pückler nach der Übernahme der Standesherrschaft Muskau und des Jagdparks um 1815 begann das Gelände des sogenannten "Urwalds Weißwasser" aufwendig umzugestalten. Der Parkschöpfer ließ eine Schlosswiese und den späteren Märchensees anlegen. Auch der Aussichtsturm in dem einstigen Naturschutzgebiet vom Architekten Karl Görgel (1809-1846) gehörte zum Ensemble. "Anregungen dafür holte er sich beispielsweise auf seinen Reisen nach England", erklärt Grabungsleiter Schöneberg.

Nur wenige Hundert Meter vom Fundort des Turms werden weitere Zeugnisse Pücklers vermutet. Unter anderem die Überreste des "Cottage" - ein einfaches Landhaus, das Pückler in seinem bekannten Werk "Andeutungen über Landschaftsgärtnerei" erwähnt und bebildert. "Im April werden wir mit den Ausgrabungen dazu beginnen", kündigte Thomas Westphalen vom Landesamt für Archäologie an. Viel Zeit bleibt für das Finden und Bergen der kulturgeschichtlich interessanten Artefakte nicht, bestätigt er. Bis spätestens Ende 2015 werden die Abraumförderbrücken und Bagger im Tagebau Nochten das Areal dem Erdboden gleichgemacht haben.

Dass nun ausgerechnet dort noch Braunkohle für das Kraftwerk Boxberg gewonnen wird, stößt auf Widerstand. Es sei ein Musterbeispiel für die unwiederbringliche Zerstörung einer wertvollen Landschaft, sagt René Schuster von der Grünen Liga Brandenburg. "Zumal der Fund des Chinesischen Turms belegt, dass Pücklers ehemaliger Jagdpark eigentlich Teil des Weltkulturerbes Muskauer Park sein müsste."

Eine Ansicht, die auch die Sorbin Edith Penk aus dem nahegelegenen Rohne teilt. "Die Abbaggerung ist leider längst beschlossene Sache", sagt sie. Die Tagebaugegnerin hofft nun darauf, dass wenigstens die einzigartige Pflanzenwelt des Urwalds Weißwasser geborgen wird.

Das bestätigt zumindest Thomas Penk, Leiter Rekultivierung/Umsiedlungsmanagement bei Vattenfall. "Ich kann die Sorgen der Anwohner verstehen, die das Naturerbe der Heimat und die Errungenschaften ihrer Vorfahren bewahren wollen", sagt er. Mit rund acht Millionen Euro hat Vattenfall deshalb die Arbeit der Landesarchäologen in Nochten und Reichwalde in den vergangenen Jahren unterstützt. Trotzdem sei das Geschäft seines Konzerns der Kohleabbau. Als Ausgleich für den Eingriff in die Natur ist in der Bergbaufolgelandschaft des Tagebaus Nochten ein etwa 1700 Hektar großes Gebiet südlich von Weißwasser dem Naturschutz vorbehalten, erklärt Penk. "Wir wissen, dass gerade an den Wäldern, Bäumen und Geschichten, die mit dem Jagdschloss Weißwasser verbunden sind, viele Menschen, die in der Region leben und hier groß geworden sind, einen großen Anteil nehmen."