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| 09:24 Uhr

Pücklers Utopia: Peinliche Sex-Revue oder große Kunst?

Roland Renner als Fürst Pückler mit der Sopranistin Sarah Behrendt am Donnerstag (28.102010) während der Fotoprobe von "Fürst Pücklers Utopia" im Staatstheater in Cottbus.
Roland Renner als Fürst Pückler mit der Sopranistin Sarah Behrendt am Donnerstag (28.102010) während der Fotoprobe von "Fürst Pücklers Utopia" im Staatstheater in Cottbus. FOTO: Bernd Settnik (dpa-Zentralbild)
Cottbus. Johann Kresniks Uraufführung von „Pücklers Utopia“ am Cottbuser Staatstheater spaltet nicht nur die Zuschauermeinungen, sondern auch die Theaterkritik. Die Urteile reichen von „ganz banal und eklig“ (Neues Deutschland) über „unterhaltsam, wenn auch nicht immer tiefgründig“ (nachtkritik.de) zu „souverän und geradezu altmeisterlich“ (FAZ). Von Felix Johannes Enzian

Tendenziell wird Johann Kresniks mit viel Nacktheit, Blut und Sperma inszenierte Darstellung von Pückler zu dessen 225. Geburtstag in den deutschen Medien eher verrissen als gelobt. Von einem eindeutigen künstlerischen Reinfall kann bei einer Gesamtschau der bisher veröffentlichten Kritiken allerdings nicht gesprochen werden: Von elf Rezensionen in Print-, Online- und Radiofeuilletons fallen zwei eindeutig positiv, sechs eindeutig negativ und drei durchwachsen aus.

Besonders oft wird bemängelt, dass die opulente Mehrsparten-Inszenierung vordergründiges Spektakel, aber wenig Tiefgang biete. Typisch ist hier die Wertung Reinhard Wengiereks in der „Welt“, Der österreichische Bühnen-Provokateur Kresnik fertige aus dem „Gewusel von Revue kein packendes Lebens- oder Epochenbild. Bloß Tingeltangel an Bildchensalat.“ Frederik Hanssen mutmaßt im „Tagesspiegel“ angesichts von Transvestiten, Muskelmännern und entblößten Brüsten auf der Staatstheater-Bühne mit hauptstädtischer Überheblichkeit: „Beim Cottbuser Abonnenten mag da vielleicht noch ein wohliger Schauder die Lendengegend streifen, den Besucher aus Berlin aber ödet diese geile, geistlose Mumpitz-Revue bald nur noch an.“ Das Kulturradio des rbb spricht von einer „banalen, an Peinlichkeit grenzenden Sex-Revue“.

Zugleich gibt es völlig gegenteilige Auffassungen. Irene Bazinger schreibt in der FAZ, die „grelle, schrill assoziierende Revue“ enthalte auch „nachdenklich-ruhigere, oft ironisch bis witzig überformte Bilder“. Ihr Fazit lautet: „Souverän und geradezu altmeisterlich verschmilzt Kresnik die verschiedenen Genres, malt Schicht um Schicht ein pittoreskes Panorama um den polymorph glänzenden Pückler aus.“ Auf dem Online-Kulturportal „kultiversum.de“ fällt die Würdigung von „Pücklers Utopia“ nach Erwähnung einiger Minuspunkte sogar geradezu ergriffen aus: „Dafür geschieht etwas ganz Seltenes. Sagenhafte 140 Mitwirkende sorgen auf einer der schönsten Jugendstilbühnen Deutschlands für ein Festspiel des Theaters selbst. Es versöhnt die Menschen über Spartengrenzen hinweg mit der Hartz-IV-Statisterie. Für einen Moment atmet die Stadt in der Lausitz die Kraft des Berserkers Kresnik.“

Selbst Stefan Amzoll, der im „Neuen Deutschland“ am liebsten vor „schäumenden Ejakulationen“ und „wild wichsenden Weiberflossen“ die Augen verschließen würde, kann im Pückler-Spektakel des bekennenden Kommunisten Kresnik gelungene Aspekte erkennen: „Dennoch gelingt in weiten Teilen unaufgeregter Szenen die Zeichnung dieses leicht verkommenen, fast bäuerisch anmutenden Prototyps des verarmten Adels, vollgepumpt mit Schulden, demokratischen Ideen und kühnen Visionen. Plastisch wird: Das Utopia, das der alte Haudegen periodisch aufblendet, wird von ihm selbst immer wieder durchkreuzt und von der Umwelt mit bissigen Verbalien und Lachsalven kommentiert.“

Auch zu Einzelaspekten der Theateraufführung gehen die Meinungen weit auseinander: Während RUNDSCHAU-Kritiker Hartmut Krug das von Christoph Klimke verfasste Libretto „weder sprachlich noch dramaturgisch überzeugend“ findet, lobt die „Märkische Allgemeine“ den „intelligenten Text“. Über den Pückler-Darsteller Roland Renner heißt es in der „Sächsischen Zeitung“, er „gerät zu oft ins Deklamieren, zeigt wenig Wandelbarkeit“, nach Auffassung des „Neuen Deutschland“ hingegen legt er „seine ganze darstellerische Vielseitigkeit in die Figur“, die FAZ nennt sein Spiel „bravourös“.

Aus der Resonanz auf die Uraufführung, die den Höhepunkt eines Festakts zu Pücklers 225. Geburtstag bilden sollte und aus der Sicht mancher Lausitzer zum Debakel geriet, lässt sich also vor allem eines ableiten: Es gibt in Kunst- wie in Geschmacksfragen keinerlei verbindliche Kriterien mehr, was gut oder schlecht, wünschenswert, erlaubt oder unerträglich ist. Diese Meinungsvielfalt prägt auch die anonymen Stellungnahmen von Zuschauern auf den Internetseiten www.lr-online.de oder www.nachtkritik.de: „Was auf der Bühne geboten wurde, war nicht nur provokativ, sondern abstoßend und ekelerregend“, ist dort beispielsweise zu lesen. Aber auch: „Ich habe mich keine Minute gelangweilt.“

Auf durchgehende Ablehnung stößt dagegen die Forderung des Cottbuser SPD-Stadtverordneten Denis Kettlitz, Staatstheater-Intendant Martin Schüler und Skandalregisseur Johann Kresnik mögen sich vor dem Cottbuser Kulturausschuss für die Inszenierung verantworten. Selbst Zuschauer, denen das Stück missfallen hat, kommentieren den Vorschlag mit Bemerkungen wie: „Das erinnert an finsterste Zeiten einer Kulturabteilung im ZK.“