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| 01:42 Uhr

Pückler-Park-Chef Streidt lebt mit Schlössern und Gärten

Gert Streidt wechselte vor einem Jahr von Potsdam nach Cottbus.Foto: Michael Helbig
Gert Streidt wechselte vor einem Jahr von Potsdam nach Cottbus.Foto: Michael Helbig FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Kinderträume: in fernen Ländern Schätze zu bergen. Dass Schatzsucher auch hierzulande sehr erfolgreich sein können, zeigt das Leben des Kulturhistorikers Gert Streidt. Er will das Erbe des Fürsten Pückler zum Leuchten bringen. Von Andrea Hilscher

Er muss ein seltsamer Junge gewesen sein. Sehr erfolgreich im Sport und zugleich schon als Kind einer Welt zugewandt, die längst vergangen ist. Gert Streidt, aufgewachsen in Kamenz, schleppte seine Eltern schon als Kind in jedes erreichbare Museum und sammelte Kunstpostkarten. Dennoch zögerte er nicht, als er die Möglichkeit bekam, nach Brandenburg/Havel auf die Sportschule zu wechseln. „Ich bin ehrgeizig“, sagt Streidt. „Und ich habe schon immer zugegriffen, wenn sich mir Möglichkeiten boten, mich zu entwickeln.“ Also setzte er zunächst auf den Sport. Hürdenlauf. Erst 110, später 400 Meter.

Doch der Junge wurde älter, die Anforderungen wuchsen, und er spürte, dass er den Anschluss an die Spitze verlor. Irgendwann wurde er zum unausweichlichen Gespräch mit der Schulleitung gebeten – dem Endpunkt seiner sportlichen Laufbahn. „Heute kann man darüber entspannt sprechen, damals aber war das schon sehr bitter“, gibt Streidt zu.

Der Schmerz über das „nicht gut genug sein“ nagte noch einige Jahre an ihm, doch irgendwann wurde aus der Not eine Tugend. „Ich war nicht den Weg meiner Mitschüler gegangen und einfach Sportlehrer geworden. Ich hatte mich für die Kulturwissenschaft entschieden.“ Fortan gehörte sein Leben, sein geistiges, dem 18. und 19. Jahrhundert. Denn gleich nach dem Studium konnte der junge Wissenschaftler 1978 in die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten wechseln.

Arbeiten in Sanssouci: Das war tatsächlich ein Berufsstart „ohne Sorge“, zunächst im Bereich Museumspädagogik. Die letzten Jahre der DDR aber empfand Streidt als düster. „Ans Weggehen habe ich trotzdem nicht ernsthaft gedacht. Ich war Anhänger der These, dass die Gesellschaft sich von innen heraus erneuern müsse.“ Umso befreiender empfand er das Aufatmen nach der Wende. „Endlich restaurieren können, was vom Verfall bedroht war, die Stiftung erweitern, das preußische Erbe in Ost und West zu vereinen.“

Er spricht von dem Elan der damaligen Zeit, von all den Möglichkeiten. Doch er ist Pragmatiker genug, um zu erkennen, dass Liebe und Elan allein nicht ausreichen, um Kostbarkeiten der Vergangenheit für die Zukunft zu bewahren. „Man braucht einen professionellen Umgang mit Strukturen, muss Netzwerke knüpfen, auch über Finanzen nachdenken.“

Den nötigen Ehrgeiz und die Durchsetzungskraft hatte er sich aus seiner Zeit im Sport bewahrt, es war also fast zwangsläufig, dass Streidt immer neue Leitungspositionen übernahm. Ab 2003 fungierte er als Gründungsdirektor der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam, eine schöne wie mühevolle Aufgabe. Als die Stelle des Stiftungsdirektors für Schloss und Park Branitz vakant wurde, griff er zu. „Pückler ist einer der spannendsten Gestalten des 19. Jahrhunderts. Mit Wurzeln tief in der Romantik, hat er die beginnende Industrialisierung erlebt, den Übergang in die bürgerliche Gesellschaft . . .“

Streidt sitzt in seinem klar strukturierten Büro in der Branitzer Gutsökonomie. Der Blick ruhig, die Hände fast bewegungslos, dennoch voller Begeisterung über seine Aufgabe. Seit einem Jahr arbeitet er in Cottbus. Seine Frau, ebenfalls bei „Schlösser und Gärten“, ist in Potsdam geblieben, die beiden Töchter sind aus dem Haus. Er selbst genießt das Eintauchen in die Lausitzer Lebensart. „Die Region ist so voller Spannungen“, schwärmt Streidt. „Das Dieselkraftwerk, das Theater, der Park sind touristische Highlights und daneben die DDR-Architektur, das weckt große Begeisterung bei allen Besuchern.“

Er setzt sich ein dafür, die Begeisterung zu befeuern und die Zahl der Besucher zu erhöhen. „Pücklers Erbe zum Leuchten zu bringen“, nennt er das. Dafür hat er sich in verschiedene Tourismusverbände wählen lassen, dafür ist er präsent auf allen wichtigen Veranstaltungen der Region, dafür knüpft er politische Netzwerke. „Wir müssen enger mit Bad Muskau zusammenarbeiten, mit dem Park Babelsberg und mit polnischen Partnern.“ Streidt redet sich schon wieder in Begeisterung. Seine Hände und Augen aber bleiben noch immer still.

Gibt ihm der Sport diese Ruhe? „Natürlich, ohne geht es nicht. Ich jogge.“ Kurzes Zögern. „Na, und ich mache Yoga.“ Beides scheint nicht zu schaden, wenn man Schätze der Vergangenheit zum Leuchten bringen will.