Fünf Jahre hatten sie gewartet - 78 junge Pianisten aus 20 Ländern und Tausende Fans klassischer Romantik. Seit Anfang Oktober wurde in der Warschauer Nationalphilharmonie der Internationale Chopin-Klavierwettbewerb ausgetragen. In einem Land, in dem Chopin als Nationalheld gefeiert wird, ist die Teilnahme oder gar der Sieg ein Ritterschlag. Nach diversen Auswahlrunden stehen nun noch 20 Musiker im Wettbewerb.

In Warschau begannen Weltkarrieren. Die Argentinierin Martha Argerich, die 1965 Wettbewerbssiegerin war und nach wie vor als "Ikone" des Wettbewerbs gilt, ist ein Beispiel. Heute ist Argerich Mitglied der Wettbewerbsjury. Ob der Gewinner an so eine Karriere anknüpfen kann, ist natürlich offen. Einen Plattenvertrag bekommt der Sieger aber auf jeden Fall.

In Polen, wo Chopin geliebt, verehrt und zelebriert wird, fieberten die Musikfans dem Wettbewerb, der nur alle fünf Jahre stattfindet, schon lange entgegen. Die Karten für das Vorspiel in der Nationalphilharmonie waren ein Jahr im Voraus ausverkauft.

Doch was man in Deutschland nur von internationalen Fußballturnieren kennt, geht in Polen auch mit Klassik: Großleinwände übertragen das Ereignis unter anderem in der Warschauer Altstadt. Nur das momentane nasskalte Herbstwetter kratzt etwas an der Chopin-Begeisterung der Polen.

Doch auch da ist vorgesorgt: Mehrere Tausend Musikfreunde verfolgten täglich den Livestream auf dem Youtube-Kanal des Chopin-Instituts. Es gab teils erregte Online-Diskussionen über verpatzte Tempi, übersteigerte Anschläge und den künstlerischen Ausdruck ihrer jeweiligen Favoriten. Auch per Handy-App konnten sich die Fans in diesem Jahr auf dem Laufenden halten.

Mehrere polnische Medien berichteten täglich vom Wettbewerb, den es schon seit 1927 gibt. "Wo bleibt die Poesie?" wartete etwa die Rezensentin der "Gazeta Wyborcza" anfangs noch auf die Erfüllung des Versprechens eines neuen Stars am Klavierhimmel - nicht nur technisch perfekt, sondern auch ein "Chopinist".

Das dürfte das größte Lob sein, dass polnische Musik-Enthusiasten einem Pianisten zollen können. Leichtigkeit und Melancholie machen Chopins Musik aus. In ihr hört man das Plätschern von Bächen, den Wind in masowischen Weiden, Aufbruchstimmung und Heimweh - nicht nur in Polen. Drei Landsleute schafften es in die Endrunde. Gewonnen aber hat schließlich der südkoreanische Pianist Seong-Jin Cho.

Der 21-Jährige hatte schon frühzeitig als einer der Favoriten für den mit 30 000 Euro und einem Schallplattenvertrag dotierten Sieg gegolten. Der junge Künstler hat sich mit der Teilnahme an dem Wettbewerb, wie er sagt, einen Kindheitstraum erfüllt.