Eine Viertelstunde wartete die Vorsitzende Richterin der Schöffenkammer des Amtsgerichtes Cottbus am Donnerstagmorgen, ob Mateusz S. nicht doch noch auftaucht. Dann entließ sie die Zeugen und setzte den Haftbefehl gegen S. wieder in Vollzug. Sobald er in Deutschland in eine Polizeikontrolle gerät, wird er nun festgenommen.

Der 22-jährige Pole sollte sich vor dem Amtsgericht wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zur Verdeckung einer Straftat verantworten. Doch er zog es offenbar vor, unterzutauchen. Sein Anwalt erklärte, seit Monaten keinen Kontakt zu ihm zu haben. In Polen gibt es keine polizeiliche Meldepflicht.

Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft war Mateusz S. im Mai 2013 in einem gestohlenen Audi A6 rücksichtslos durch die Kleinstadt Peitz gerast, um sich der Verfolgung durch die Polizei zu entziehen. Er fuhr durch einen Gemüsestand, drängte einen Lkw von der Fahrbahn und stieß mit einem entgegenkommenden Opel zusammen.

Video von der Verfolgungsjagd

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Neben erheblichem Sachschaden blieben vier Verletzte zurück. Nach drei Wochen wurde der Haftbefehl gegen den in Deutschland nicht vorbestraften Mann jedoch außer Vollzug gesetzt. Für Erika Laubsch, eine der umsonst geladenen Zeugen, eine "große Schweinerei". Sie stand damals in dem Verkaufsstand, durch den das Auto fuhr. Den Schock, den sie dabei erlitt, hat sie bis heute nicht völlig überwunden.

Noch schlimmer hatte es Raik Lüdecke getroffen. Der flüchtende Audi schleuderte ihn durch die Luft. Sein gebrochenes Handgelenk musste operiert werden. Eine schwere Prellung des Unterschenkels bereitet dem Automechaniker bis heute Probleme. "Es ist eine Frechheit, dass jemand bei so einem Delikt auf freien Fuß kommt", schimpft er über die Haftverschonung für den Angeklagten. Nur ein Schritt zur Seite habe ihm vermutlich das Leben gerettet, so Lüdecke.

Fälle, in denen Autoschieber durch rücksichtslose Raserei versuchen, der Polizei zu entkommen, sorgen immer häufiger in der Region für Schlagzeilen. Zuletzt durchbrach am Donnerstagmorgen der Fahrer eines gestohlenen Autos eine Kontrolle der SOKO Grenze auf der BAB 15 bei Forst kurz vor der polnischen Grenze. Er streifte einen Polizisten und raste über ausgelegte Stop-Sticks davon. Er entkam in kurzer Entfernung zu Fuß durch ein Waldgebiet.

Folgenschwerer verlief ein Zwischenfall im Juli ebenfalls auf der BAB 15. Ein 25-Jähriger durchbrach mit einem gestohlenen Geländewagen eine Polizeisperre und rammte zwei ihn verfolgende Polizeiwagen. Die Streifenwagen überschlugen sich, vier Beamte wurden verletzt. Der Fahrer des Geländewagens wurde festgenommen und kam in U-Haft.

Zwei weitere mutmaßliche Autohehler waren dem durchbrechenden Geländewagen gefolgt, einer davon entkam. Gegen den festgenommenen zweiten Fahrer war kein Haftbefehl erlassen worden. Auch eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft dagegen war ohne Erfolg.

Das Gericht begründete seine Entscheidung damit, dass der zweite Festgenommene nicht vorbestraft sei und an dem Unfall mit den Polizeiwagen nicht beteiligt war. Es sah deshalb wegen der für ihn zu erwartenden Strafe keine Fluchtgefahr und auch keine anderen Haftgründe wie Wiederholungs- oder Verdunkelungsgefahr.

Die Gerichtsentscheidung hatte bei der Brandenburger Polizei Unverständnis ausgelöst. Polizeipräsident Arne Feuring sagte im Juli, dass er angesichts der "außerordentlichen Brutalität des Vorgehens der Verdächtigen", die bewusst das Leben der Beamten aufs Spiel setzten, kein Verständnis für die Gerichtsentscheidung habe.