Mit scharfer Kritik an Israels Atompolitik hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass einen Proteststurm ausgelöst. "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?", schrieb der 84-jährige Autor in einem am Mittwoch von der "Süddeutschen Zeitung" und anderen Blättern veröffentlichten Gedicht mit dem Titel "Was gesagt werden muss". Sich selbst bezichtigt Grass, zu lange dazu geschwiegen zu haben, und fährt fort: "Ich schweige nicht mehr."

Politiker, jüdische Organisationen und Intellektuelle warfen Grass vor, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Nicht Israel, sondern das iranische Mullah-Regime bedrohe den Weltfrieden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Text "ein aggressives Pamphlet der Agitation".

Die israelische Botschaft warf Grass vor, er bediene antisemitische Klischees. "Was gesagt werden muss, ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen", erklärte der Gesandte Emmanuel Nahshon. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, es gebe eine Freiheit der Kunst und eine Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder Äußerung äußern zu müssen. Ohne Grass namentlich zu nennen, erklärte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP), die Gefahren des iranischen Atomprogramms zu verharmlosen, hieße, den Ernst der Lage zu verkennen. Der Publizist Ralph Giordano (89) nannte es einen "Anschlag auf Israels Existenz". Der Präsident des deutschen Pen-Zentrums, Johano Strasser, verteidigte Grass dagegen. Er warne vor Waffenexporten an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich, sagte Strasser dem Radiosender NDR Kultur.

Grass hatte sich 2006 dazu bekannt, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Kritiker warfen ihm vor, seine SS-Zugehörigkeit jahrzehntelang verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisierte. Dazu sagte der israelische Historiker und Journalist Tom Segev, "ich glaube, er kokettiert ein bisschen mit dem SS-Schweigen", das er vor einigen Jahren gebrochen habe. Antisemitisch oder antiisraelisch sei Grass nicht. "Für mich ist es so, dass ich lieber Literatur von Günter Grass lese und Atomanalysen von einem früheren Mossad-Chef", sagte Segev im Deutschlandradio Kultur.