Die Geschäftsführerin der deutschen Sektion von „Reporter ohne Grenzen“, Elke Schäfter, warf dem IOC vor, die Chance zur Verbesserung der Menschenrechte vertan zu haben. „Das IOC hat es von Anfang an versäumt, Versprechen umzumünzen in eine konkrete Agenda“, sagte Schäfter im ARD-Morgenmagazin. In China werde die freie Berichterstattung weiterhin massiv behindert. Bundespräsident Horst Köhler sagte der „Mittelbayerischen Zeitung“, die Themen Tibet und Menschenrechte müssten in Peking deutlich und freimütig angesprochen werden – aber im Ton des Respekts vor dem, was das Land erreicht habe.

Häftlingspost für Rogge
Protestkundgebungen wurden kurz vor Beginn der Spiele aber weiter verhindert. Die Polizei lehnte den Antrag einer Militär-Ärztin ab, die auf einer der ausgewiesenen olympischen „Protestzonen“ eine Demons tration abhalten wollte. Drei Menschenrechtsaktivisten durften außerdem nicht nach Hongkong einreisen. Es werde „sehr viel Wert“ darauf gelegt, dass „Protestpotenzial hier nicht vorkommt“, erklärte der Menschenrechtsbeauftragte Nooke. Gleichwohl hofft er auf eine „positive Bilanz“ nach den Olympischen Spielen und größere Offenheit bei Rede- und Pressefreiheit.
Nach der Eröffnungsfeier sollte trotz allem der Sport im Vordergrund stehen, sagte Nooke. Er forderte das IOC auf, Rechtssicherheit für die Sportler zu schaffen. Der Beauftragte hatte mehrfach betont, dass die Sportler frei bleiben sollten in ihrer Entscheidung, sich zu Menschenrechten zu äußern. „Das IOC muss sich in China durchsetzen, sonst verliert es das Gesicht“, sagte Herta Däubler Gmelin (SPD), Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Menschenrechte, gestern im Deutschlandradio Kultur. Das IOC solle auf die Einhaltung der Menschenrechte in China beharren. In einem Interview mit der „Bild“ verteidigte DOSB-Chef Thomas Bach die Entscheidung des IOC, die Spiele an Peking zu geben. Es habe Verbesserungen in der Menschenrechtsfrage gegeben. „Aber sie sind bei Weitem noch nicht ausreichend“, räumte Bach ein. „Aber wenn wir die Spiele nur in Länder vergeben, wo die Menschenrechte verwirklicht werden, gehen uns relativ schnell die Kandidaten aus.“
Die Appelle an das IOC kamen auch aus ungewöhnlicher Richtung. Ein bekannter chinesischer Demokratie-Aktivist forderte IOC-Chef Jacques Rogge auf, ihn im Gefängnis zu besuchen. In einem Brief beklagte He Depu, dass sich die Bedingungen vor allem für politische Häftlinge im Vorlauf zu den Olympischen Spielen in Peking verschlechtert hätten. „Jedes Mal, wenn sie nach Peking kommen und die fröhlichen Spektakel hier sehen, wissen sie, dass nur etwa zehn Kilometer weiter Pekings politische Häftlinge ungemein leiden müssen?“, fragte der Aktivist, der 2003 verurteilt worden war, nachdem er sich im Internet für mehr Demokratie ausgesprochen hatte.

„Schwarze Gefängnisse“
Nach Erkenntnissen einer Menschenrechtsgruppe setzt China systematisch unbequeme Personen unrechtmäßig in „schwarzen Gefängnissen“ fest. In ihrem Jahresbericht zu den Menschenrechten in China zählt die Organisation Chinese Human Rights Defenders (CHRD) für die zwölf Monate vor den Olympischen Spielen 428 „willkürliche Festnahmen“ auf. 40 Prozent der Festgenommenen seien in inoffiziellen „schwarzen Gefängnissen“ festgehalten. Diese Art der Menschenrechtsverletzungen verdiene „größere Aufmerksamkeit“, erklärte die Gruppe.
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