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| 01:26 Uhr

Proteste beim Nazi-Fackelzug in Finsterwalde

In der Lausitz und im Elbe-Elster-Land wurde heute vor 75 Jahren wie in ganz Deutschland die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler von seinen Anhängern noch gefeiert. Gegner der Nazis und jüdische Mitbürger wurden bald darauf verfolgt und getötet. Zwölf Jahre später hinterließ das „Tausendjährige Reich“ auch hier in der Region ein Trümmerfeld und Tausende Tote. Von Simone Wendler


 „In der Stadt waren an diesem Abend
viele Hitlergegner auf der Straße, um gegen
den Fackelumzug der Nazis zu protestieren.“
 Rainer Ernst, Leiter des Kreismuseums in Finsterwalde


In Cottbus ziehen am Abend des 30. Januar 1933, einem Montag, NSDAP-Mitglieder, SA- und SS-Leute mit Fackeln vom Schillerplatz zum Berliner Platz, um ihren „Führer“ zu huldigen. Zwei Abende vorher hatten SS-Leute bereits bei einem Marsch durch die Stadt zwei Gewerkschafter durch Messerstiche und Schläge auf den Kopf lebensgefährlich verletzt.
Auch in Finsterwalde (Elbe-Elster) machen sich rund 250 Hitler-Anhänger nach dessen Ernennung zum Reichskanzler mit Fackeln auf den Weg durch die Stadt, doch es wird dort kein ungestörter Triumphzug. „In der Stadt waren an diesem Abend viele Hitlergegner auf der Straße, um gegen den Fackelumzug der Nazis zu protestieren“ , sagt der Leiter des Finsterwalder Kreismuseums, Rainer Ernst. Es gab Beschimpfungen, es flogen Steine. Später, so sei bekannt, habe sich die SA öffentlich über die Finsterwalder Polizei beschwert, die habe sie nicht richtig beschützt.
Auf dem Finsterwalder Marktplatz hält an jenem Abend der NSDAP-Landtags abgeordnete Michael Münster eine Rede, die jedoch im Tumult kaum zu verstehen ist. Münster wird zwei Monate später als Bürgermeister in Finsterwalde eingesetzt. Sechs Jahre vorher hatte er mit anderen Nazis die Finsterwalder Ortsgruppe der NSDAP gegründet. Dass viele Einwohner der Stadt sich jedoch anfangs gegen die braune Diktatur stellen, zeigt das Ergebnis der Kommunalwahl, die im Frühjahr 1933 nach der Reichstagswahl stattfand. „Die SPD hatte damals in Finsterwalde noch die Mehrheit, die KPD war ja schon nicht mehr zugelassen“ , sagt Ernst.
In Cottbus wird die NSDAP dagegen schon 1932 stärkste Partei in der Stadt. Im Juli vor der Machtergreifung Hitlers ziehen 40 000 Menschen aus Cottbus und Umgebung zur damaligen Rennbahn, dem heutigen Flugplatzgelände, um den „Führer“ zu sehen und reden zu hören.
Die politische Gleichschaltung der gesamten Gesellschaft auf der einen und die wachsende Repression und Verfolgung jüdischer Mitbürger und politischer Gegner auf der anderen Seite beginnt auch in der Lausitz. „Politisch unzuverlässige“ und jüdische Beamte werden aus ihren Funktionen gedrängt. Am 7. März 1933 wird auf dem Spremberger Turm in Cottbus die Hakenkreuzfahne als sichtbares Zeichen der Machtübernahme gehisst. Ein linientreuer „kommissarischer Magistratsdirigent“ wird nach Cottbus geschickt und vier Monate später Oberbürgermeister. Auch in Guben (Spree-Neiße) übernimmt im Sommer 1933 ein Nazi aus Berlin die Macht im Rathaus.
Ende März 1933 werden zahlreiche Mitglieder von KPD und SPD in Cottbus verhaftet. Der Kommunist Willy Budich, nach dem in Cottbus eine Straße benannt ist, wird im Mai in Berlin verhaftet und in einem SA-Lokal zum Krüppel geschlagen. Andere Cottbuser Kommunisten organisieren eine illegale Widerstandsgruppe.
Sofort nach der Machtergreifung Hitlers beginnt die Verfolgung der Juden. Am 31. März 1933 erscheint auch im „Cottbuser Anzeiger“ der Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte. Unter der Überschrift „Wer beim Juden kauft, ist ein Verräter am deutschen Volke“ sollen ab dem 1. April nicht nur Läden, sondern auch jüdische Rechtsanwälte und Ärzte gemieden werden. Es werden in Deutschland 315 Gesetze und Verordnungen zur Entrechtung der jüdischen Bürger erlassen.
Noch im Jahr 1933 verlassen die ersten jüdischen Einwohner Cottbus. Andere, wie der Kinderarzt Gustav Matzdorf, nehmen sich mit ihren Familien aus Verzweiflung das Leben. So auch acht Jahre später der in Calau (Oberspreewald-Lausitz) geborene Schauspieler Joachim Gottschalk. Weil er es ablehnt, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, wird der Druck der Nazis auf ihn immer größer. 1941 nimmt er sich mit Frau und Sohn das Leben.
Von jüdischen Spuren „gesäubert“ werden nach Hitlers Machtantritt auch Ehrenbürgerschaften und Goldene Bücher in Lausitzer Kommunen. In Cottbus wird Ende März 1933 den beiden Ozeanfliegern Clarence D. Chamberlin und Charles Levin auf Antrag der NSDAP-Fraktion durch die Stadtverordneten die Ehrenbürgerschaft aberkannt. Bei ihrem Flug von New York nach Berlin waren sie im Juni 1927 bei Klinge (Spree-Neiße) notgelandet und in Cottbus begeistert empfangen worden. Sechs Jahre später weicht die Begeisterung dem Rassenwahn.
An Stelle der Ozeanflieger wird der Oberpräsident der Provinz Brandenburg und spätere Gauleiter Wilhelm Kube Cottbuser Ehrenbürger. Schon bald nach der Machtergreifung der Nazis wird die zivile Fliegerei auf dem Cottbuser Flugplatz eingestellt. Es wird eine Verkehrsfliegerschule gebaut, an der von Anfang an entgegen dem Versailler Vertrag Piloten und Beobachter für die Luftwaffe ausgebildet werden.
Der Cottbuser Flugplatz wird ab 1933 zügig ausgebaut. Unterkünfte werden errichtet, eine Sporthalle und ein Klub- sowie Kasinogebäude, heute Teil der Brandenburgischen Technischen Universität. Mit der Einführung der Wehrpflicht 1935 wird Cottbus wieder offiziell Garnisonsstadt und Zentrum zur Ausbildung von Militärpiloten. Die Vorbereitung des Krieges läuft auf vollen Touren. Den bezahlen viele Orte in der Region mit schweren Zerstörungen und Städte wie Guben, Forst (Spree-Neiße) und Bad Muskau (Niederschlesischer Oberlausitzkreis) mit ihrer Teilung.