Das Wetter war eigentlich gar nicht so schlecht am Freitag in Berlin. Trotzdem standen kurz vor Mittag, als im Kanzleramt die dritten deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen begannen, draußen an den Absperrgittern ein paar Dutzend Leute mit Schirm - auch eine Form, um die "Regenschirm-Revolution" in Hongkong zu unterstützen.

Anders als in der Sonderverwaltungszone, wo die Demonstranten ihre Schirme zum Schutz gegen Tränengas und Pfefferspray aufspannen, wurden sie aber gar nicht gebraucht. Zum Glück regnete es nicht einmal - ansonsten wäre es wohl allen so gegangen wie Angela Merkel und Ministerpräsident Li Keqiang auf dem roten Teppich. Niemand hätte den Protest bemerkt.

So aber gab es bei dem sorgfältig durchgeplanten Treffen, bei dem es eigentlich darum gehen sollte, die neue "Innovationspartnerschaft" zwischen Volks- und Bundesrepublik mit Leben zu erfüllen, noch etwas andere Bilder: passend zur Protestbewegung in Hongkong, der ehemaligen britischen Kronkolonie, die die Regierung in Peking ziemlich nervös macht.

Aber das war nach den Ereignissen der vergangenen Tage allen auch schon klar gewesen. Zumal Merkel die Chinesen am Wochenende schon mit einem halbamtlichen Video-Interview darum gebeten hatte, in Hongkong besonnen vorzugehen und die Meinungsfreiheit zu achten. So etwas hört man in Peking nicht gern - auch wenn Li Keqiang am Freitag immer wieder freundlich lächelte und Deutschland sogar als "einflussreiche Großmacht" umschmeichelte.

Sehr zufrieden äußerten sich beide Seiten über den neu vereinbarten 30-seitigen "Aktionsrahmen" zur Innovation mit nicht weniger als 110 Unterpunkten. Merkel versprach aber: "Der Ministerpräsident und ich werden darauf achten, dass dieser Rahmen auch Punkt für Punkt umgesetzt wird." Dass Chinesen unter Innovation vor allem technologische Fragen verstehen und die Deutschen das Ganze gerne auch auf das Gesellschaftsmodell ausdehnen wollen, wurde nicht so laut gesagt.

Zudem wurden im Kanzleramt auch zehn neue Regierungsabkommen sowie neun Wirtschaftsverträge unterschrieben. Auf dem "Familienfoto", das bei solchen Veranstaltungen inzwischen üblich ist, drängeln sich mehr als zwei Dutzend Minister. Li Keqiang fiel dabei durch das lauteste Lachen auf.

Bei der gemeinsamen Pressekonferenz - eine Frage nur für jede Seite - machten Kanzlerin und Ministerpräsident aber auch Unterschiede deutlich. Li Keqiang kleidete das in die Formel: "Die Zusammenarbeit überwiegt die Dispute." Merkel wurde deutlicher: "Wir haben über alle Fragen sehr offen und intensiv gesprochen und werden dies auch weiter tun." Mit Blick auf die jüngste Festnahme einer Mitarbeiterin der Wochenzeitung "Die Zeit" fügte sie hinzu, "faire Rahmenbedingungen" seien auch für die journalistische Berichterstattung von großer Bedeutung.

Zum Thema Hongkong wiederholte Merkel im Grundsatz das, was sie am Wochenende schon gesagt hatte. "Die Demonstrationen sind im Großen und Ganzen friedlich verlaufen. Ich hoffe, dass das so bleiben kann." Li Keqiang lächelte etwas säuerlich dazu.

Seine Antwort kam dann wie erwartet und in ziemlicher Schärfe. "Ich möchte betonen, dass Hongkong-Angelegenheiten zur Innenpolitik Chinas gehört. Alle Länder der Welt müssen die Souveränität respektieren."

Dann fügte er noch hinzu, dass Hongkongs Regierung die Einwohner der Stadt vor "Verletzungen oder Sachschäden" schützen werde. Und: "Ich bin überzeugt, dass die Hongkonger mit ihrer Weisheit in der Lage sind, den Wohlstand der Stadt weiter zu erhalten und auch die gesellschaftliche Stabilität zu wahren." An seiner Seite setzte Merkel ihr Gesicht auf, aus dem man gar nichts herauslesen kann.

Bei diesem Ausklang blieb es aber nicht. Nach dem offiziellen Termin im Kanzleramt machte die Kanzlerin mit dem Gast aus Peking dann noch einen Abstecher in den Supermarkt in der Nähe des Brandenburger Tors, in dem man sie häufiger mal sehen kann. Gekauft wurden Nikolausstiefel, Grußkarten und Salz. Merkel bezahlte. Li Keqiang wirkte da schon wieder aufs Höchste amüsiert.