Während die Polizei die Teilnehmerzahl der Großkundgebung in Moskau auf rund 30 000 schätzte, ließen Bilder aus der Luft eine weit höhere Zahl vermuten, die Veranstalter sprachen teilweise von mehr als 100 000. Die Polizei hielt sich weitgehend zurück, landesweit kam es zu rund 100 Festnahmen.

Im staatlichen Fernsehen erhielten die Proteste überraschend viel Sendezeit. Auch in St. Petersburg gingen 7000 Menschen auf die Straße, um ihrem Ärger über den Ministerpräsidenten Wladimir Putin und dessen Partei Einiges Russland Luft zu machen. In mehr als 60 weiteren Städten kam es ebenfalls zu Protesten.

In Moskau trotzten die Demonstranten Schnee und Wind und standen Schulter an Schulter auf dem auf einer Insel in der Moskwa gelegenen Bolotnaja-Platz und in den angrenzenden Straßen. Die Behörden hatten die Erlaubnis für eine Kundgebung mit bis zu 30 000 Teilnehmern erteilt, aber die Polizei schritt nicht ein, als die Zahl offenkundig weit höher wurde. Auch eine nicht genehmigte Kundgebung auf dem Platz der Revolution und einen Marsch von dort zum Bolotnaja-Platz ließen die Beamten zu, die mit mehr als 50 000 Mann die Demonstration überwachten.

Die Zahl der Festnahmen war mit – laut Polizei – rund 100 landesweit für russische Verhältnisse relativ gering. Üblicherweise greifen die Polizisten bei Oppositionsprotesten hart durch. Aus der Stadt Chabarowsk, nahe der chinesischen Grenze, meldete die russische Nachrichtenagentur Interfax rund 30 Festnahmen bei einem Blitzauflauf, einem Flashmob-Protest. In der Stadt Perm in Sibirien seien rund 15 Menschen festgenommen worden.

Putin und seine Partei hatten bei der Wahl am vergangenen Sonntag ihre Zweidrittelmehrheit verloren, Einiges Russland kann aber dennoch alleine weiterregieren. Kritiker und internationale Beobachter werfen Einiges Russland Manipulationen bei der Wahl vor. Auch die unabhängigen russischen Wahlbeobachter von Golos erklärten am Samstag, die Partei habe „ihr Mehrheitsmandat nur durch Fälschung erreicht“.

Die Demonstration in Moskau am Samstag zog Teilnehmer aus dem gesamten politischen Spektrum an – von Liberalen über Kommunisten bis zu den Nationalisten. Ein Teilnehmer an der Moskauer Demonstration, Alexander Trofimow, sagte, die Fälschungen, denen sich die Behörden schuldig gemacht hätten, hätten „das Land in ein großes Theater verwandelt, mit Clowns wie in einem Zirkus“. Andere Demonstranten erklärten, die Parlamentswahl sei nur ein Katalysator für sie gewesen, ihrem Ärger über die zahlreichen Probleme im Land Luft zumachen. „Wir haben kein unabhängiges Gerichtswesen, es gibt keine Meinungsfreiheit“, sagte der Protestteilnehmer Albert Jussupow. „All dies zusammen schafft eine Situation, in der Menschen zum Protest gezwungen sind.“ Bei einer Demonstration in der Stadt Wladiwostok riefen die Teilnehmer „Putin ist eine Laus“, einige von ihnen hielten ein Banner, auf dem das Wappen von Einiges Russland karikiert wurde. Darauf war zu lesen: „Die Ratten müssen gehen.“ Auch in Moskau skandierten die Demonstranten „Russland ohne Putin“ oder „Einiges Russland ist eine Partei der Verbrecher und Diebe“.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew kündigte diese Woche eine Untersuchung der Vorwürfe des Wahlbetrugs an. Es habe bei der Wahl womöglich Gesetzesverstöße gegeben, sagte er. „Unser Wahlgesetz ist nicht optimal.“ Er könne verstehen, dass einige Menschen von dem Wahlergebnis enttäuscht seien. Aber das Resultat entspreche „vollkommen den Einschätzungen von Analysten und öffentlichen Umfragen“.