Diesmal sind sie nicht zum Demonstrieren vor den Quirinalspalast gezogen, sondern zum Jubeln. Die Gegner des langjährigen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi feiern den Abgang des 75-Jährigen mit Prosecco für alle und „Halleluja“-Gesängen aus Händels Oratorium „Messias“.

Hoch schwappt die Stimmung, als der „Cavaliere“ am Samstagabend beim Staatspräsidenten vorfährt, um einen Schlussstrich zu ziehen. „Mach Dich aus dem Staub!“, tönt es ihm entgegen. „Wann wird er endlich eingesperrt?“

In der italienischen Hauptstadt macht sich nach Berlusconis Rücktritts-Ankündigung Party-Laune breit. Hupkonzerte erklingen im Hintergrund, während ein improvisiertes Kammerorchester die berühmten Klänge aus dem Händel-Oratorium anstimmt. „Lang lebe Italien!“, schallt es aus der Menge. „Es ist ein unglaublicher Moment“, schwärmt Rossella Saurini, während ihr siebenjähriger Sohn Wunderkerzen abbrennt. „Wir sind endlich frei – Zeit für eine Party! „ Nicht alle Teilnehmer der Freudenkundgebung beschränken sich auf freundliche Worte. „Mafioso“ ist eine fast noch vorsichtig gewählte Beschimpfung, andere sprechen von „Stück Scheiße“.

Auch nach 17 Jahren der Berlusconi-Ära bleiben die Ansichten über den „Cavaliere“ höchst gespalten. Vor seinem Palazzo Grazioli im historischen Zen trum Roms haben sich in dieser Nacht ein paar treue Anhänger versammelt. „Wir fühlen uns alleingelassen, wie Waisenkinder“, sagt die 54-jährige Maria Teresa Borghelli. „Es ist ein Hohn für die Demokratie und kann nicht das Ende von Berlusconi sein.“ Berlusconi sei „einzigartig“, pflichtet der 25-jährige Massimo della Seta bei. „Niemand kann es ihm gleichtun.“

Erst recht gehen die Meinungen auseinander, was nun geschehen soll. Einige Neo-Faschisten stimmen bereits Slogans gegen den mutmaßlichen Übergangs-Regierungschef Mario Monti an. Der sei eine „Missgeburt“ und Italien „unverkäuflich“, machen sie Stimmung gegen den Druck der EU-Partner auf das schuldengeplagte Land.

„Alles steht zur Disposition“, analysiert die 34-jährige Lehrerin Francesca Rossi die Lage. „Unsere Hoffnungen sind enttäuscht worden, die Leute sind am Boden zerstört.“ Vielen erscheint es wie eine neue Zeitrechnung, wenn der Großunternehmer und Medienmogul nun nach so vielen Jahren die Bühne räumt. In Anlehnung an den Umbruch in der arabischen Welt rufen sie „Frühling!“ in die kalte Nacht. Angefacht durch den perlenden Prosecco überwiegt in der Menge die Freude, dass Berlusconi nach so vielen Massendemonstrationen der vergangenen Jahre zum Rücktritt genötigt wurde.

„Wir sind hocherfreut“, sagt der 50-jährige Tommaso Romito, der einen weißen Schal trägt. Berlusconi habe „immer nur den eigenen Interessen gedient“, deshalb stehe Italien jetzt eine „bessere Zukunft“ bevor.

Der alternde Berlusconi, der wegen zahlreicher Affären immer wieder vor Gericht zitiert wurde, bietet so viele Angriffsflächen, so viel Stoff für Spott und Hohn. Immer wieder sind in der Menge Anspielungen auf seine rauschenden Feste mit jungen Frauen zu hören. „Jetzt haben wir auch mal unsere Bunga-Bunga-Party“, freut sich Gianfranco Mascia, einer der führen Köpfe im langen Kampf gegen den „Cavaliere“.