Rund 500 000 Brandenburger leben mit einer Behinderung. Wie der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Jürgen Dusel, am Dienstag zur Vorstellung eines Zwischenberichts zum behindertenpolitischen Maßnahmenpaket der Landesregierung erklärte, lebten in Brandenburg rund 340 000 Menschen, die eine Behinderung von mehr als 30 Prozent amtlich feststellen ließen. Dazu käme aber noch eine Dunkelziffer von Menschen, die aus Scham darauf verzichteten. Rund 238 000 Brandenburger gelten Dusel zufolge als schwerbehindert - das sind etwa 9,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. 60 Prozent der Schwerbehinderten seien zudem älter als 60 Jahre.

Das Potsdamer Kabinett hatte im November 2011 ein behindertenpolitisches Maßnahmenpaket beschlossen. Es umfasst 136 Vorhaben, deren Bandbreite von der Förderung von Inklusionsprojekten bis zur Stärkung des barrierefreien Tourismus reicht. "Dazu gehören auch Berufsorientierungen für Schüler von Förderschulen", sagte Sozialminister Günter Baaske (SPD) vor Journalisten. Damit seien im vergangenen Jahr rund 1300 Schüler erreicht worden. "Wir wollen den Jugendlichen zeigen, dass es auch Berufe jenseits der Werkstatt gibt." Besonders hob Baaske dabei das Prignitzer Projekt "Wege in Arbeit" hervor, das vom Land Brandenburg mit 260 000 Euro unterstützt werde. Insgesamt konnten im Land dank einer Förderung von 662 000 Euro bereits 38 betriebliche Ausbildungsstellen für Behinderte geschaffen werden.

Mit 2,7 Millionen Euro wurden neue Arbeitsplätze für ältere Schwerbehinderte gefördert. Daraus seien bislang 103 neue Stellen in der Wirtschaft entstanden. "Eine inklusive Gesellschaft erfordert ein Maßnahmenpaket, an dem sich alle beteiligen", so Baaske. "Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Menschen mit Behinderung nicht nur Rechte haben, sondern dass sie sie auch nutzen können", so Dusel.

Der Cottbuser Landtagsabgeordnete Jürgen Maresch (Linke) dagegen erinnerte auch an Dinge, die im Land noch nicht perfekt sind: Die Regierung müsse sich fragen lassen, warum in den vergangenen acht Jahren nur acht Azubis mit Behinderung in den Landesdienst eingestellt wurden. Auch sei es den Kommunen nicht mehr möglich, den Bedarf an Einzelfallhelfern für behinderte Schüler zu decken. "Insgesamt aber ist das Thema Inklusion in Brandenburg angekommen", so Maresch.

Die Vorsitzende des Landesbehindertenbeirats, Marianne Seibert, beklagte indes die zunehmend schlechtere medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderungen. Viele Brandenburger Arztpraxen seien nicht barrierefrei erreichbar.

Auch die Versorgung durch Hausbesuche lasse im Lande zu wünschen übrig. "Ich kenne eine MS-Patientin, die ihren Facharzt nicht mehr erreichen kann und nur noch alle paar Wochen mal vom Hausarzt aufgesucht wird", so Seibert. "Das ist keine medizinische Versorgung, die der Schwere der Erkrankung angemessen ist."

Auch Baaske äußerte sich kritisch zur medizinischen Situation in Teilen des Landes: So gebe es etwa in Lauchhammer keinen praktizierenden Augenarzt mehr. Viele Patienten könnten Ärzte in Cottbus oder Dresden aufsuchen - für Menschen mit Behinderung sei dies jedoch häufig ein unüberwindbares Problem. "Doch auch Behinderte haben das Recht auf freie Arztwahl", betonte Dusel.