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Professionell und kaltblütig

Damian S. , hier mit seinem Anwalt Klaus Kleemann, erwartet eine mehrjährige Haftstrafe. Durch sein Geständnis wird sie unter fünf Jahren bleiben. Seit Juli 2014 ist er in Untersuchungshaft.
Damian S. , hier mit seinem Anwalt Klaus Kleemann, erwartet eine mehrjährige Haftstrafe. Durch sein Geständnis wird sie unter fünf Jahren bleiben. Seit Juli 2014 ist er in Untersuchungshaft. FOTO: M. Helbig/mih1
Cottbus. Drei Lausitzer Polizisten kamen im Juli nur durch Glück mit leichten Blessuren davon, als sie ein Autoschieber bei Forst von der Autobahn rammte. Vor dem Landgericht Cottbus war der Crash-Fahrer am Donnerstag geständig. Simone Wendler

Die 3 D-Animation, die der Sachverständige am Ende seines Gutachtens auf eine Leinwand im Verhandlungssaal des Landgerichtes Cottbus projiziert, ist beeindruckend. Aus verschiedenen Positionen ist dort zu sehen, wie ein Audi Q7 auf der rechten Fahrbahnseite der Autobahn in größerem Abstand von zwei Polizeifahrzeugen auf der linken Fahrspur eingeholt wird. Der Audi lässt die Streifenwagen jeweils eine halbe Länge an sich vorbeifahren, dann lenkt er sein linkes Vorderrad in den rechten hinteren Kotflügel des Streifenwagens.

Die Funkwagen brechen dadurch jeweils mit einer schleudernden Drehbewegung nach rechts aus. Der Audi bremst noch kurz ab, damit die Polizeifahrzeuge sich aus seiner Fahrbahn drehen können. Das erste Polizeiauto überschlägt sich seitlich mehrmals, bevor es zum Stehen kommt. Der zweite so gerammte Polizeiwagen, in dem eine Beamtin mit einem Fährtenhund sitzt, bleibt auf der Seite liegen. "Beide Kollisionen sind nach vergleichbarem Muster abgelaufen", sagt der Gutachter, "der zweite Zusammenstoß noch perfekter als der erste."

Übung und Kenntnisse über das Fahrverhalten von Autos seien nötig gewesen, um so zielgerichtet vorgehen zu können, versichert der Unfallspezialist. Die Polizisten hätten großes Glück gehabt, dass sie nur relativ leichte Verletzungen erlitten haben.

Der Mann, der den gestohlenen Audi Q7 an diesem Julitag des vorigen Jahres lenkte, sitzt dem Gutachter im Gerichtssaal gegenüber. Damian S., 25 Jahre alt, gelernter Automechaniker aus Polen und seit seiner Festnahme kurz nach den Attacken auf die Polizeiwagen in Untersuchungshaft. Neben ihm der ein Jahr jüngere Adam J., der auf freiem Fuß ist und pünktlich zur Verhandlung erschien.

Beide legen Geständnisse ab, indem sie ihre Verteidiger entsprechende Erklärungen verlesen lassen. Vorher hatte es eine Verständigung zwischen den Prozessbeteiligten gegeben. Für die Abgabe umfassender Geständnisse sicherte das Gericht Damian S. eine Haftstrafe nicht über vier Jahren und neun Monaten zu. Adam J. kann mit einer Bewährungsstrafe rechnen. Er war an dem Angriff auf die Polizei nicht beteiligt.

Über ihre Verteidiger schildern beide, dass sie von Unbekannten angeworben worden seien, um Autos von Deutschland nach Polen zu fahren. Dass es sich dabei um gestohlene Fahrzeuge gehandelt habe, sei ihnen klar gewesen, doch es lockten 1500 Zloty, etwa 450 Euro, für viele in Polen ein Monatslohn.

Beide versichern, in Geldnot gewesen zu sein, weil sie keine Arbeit hatten. Wer das war, der sie für die Kurierfahrten angeworben habe, wüssten sie nicht. Ein Auto habe sie nach einem Anruf nach Deutschland gebracht. Etwa eine Fahrstunde hinter der Grenze seien ihnen in einem Wald die gestohlenen Autos übergeben worden, die sie nach Polen bringen sollten. Einen Audi Q7 für Damian S. und einen Audi A6 für Adam J., in Kolonne fuhren sie in Richtung Grenze. Doch auf der Autobahn A 15 erwartete sie am Parkplatz Preschen kurz vor der polnischen Grenze eine Polizeisperre. Damian S. räumt vor Gericht ein, dass er zurückgesetzt sei, um zu fliehen. Er habe einen Polizisten mit einer Waffe gesehen, Schüsse gehört und die Heckscheibe seines Autos sei zersplittert.

"Mein Mandant hatte Angst, erschossen zu werden, er war in Panik und wollte nur weg", sagt sein Anwalt Klaus Kleemann. Er habe keinen Menschen absichtlich gefährden wollen. Das Auto habe sich gleich nicht mehr richtig steuern lassen. S. habe geglaubt, die Polizei habe ihm die Reifen zerschossen.

Der Gutachter erklärt später, dass die Reifen keine Einschüsse aufwiesen, aber Nägel und Hülsen aus einem Spezialband, das die Polizei auf die Fahrbahn gelegt hatte. Dadurch entweiche die Luft aus den Reifen nur langsam und nicht plötzlich. Der Audi Q7 sei steuerungsfähig gewesen, als er die Polizeiwagen rammte.

Adam J. erklärt über seinen Verteidiger, er sei in der Polizeikontrolle überzeugt gewesen, dass die Fahrt nun zu Ende ist. Als das vor ihm stehende Auto von Damian S. dann die Sperre durchbrach, sei er in Panik hinterher und an dem Q7 noch vorbei gefahren.

Durch den Druckverlust in den Reifen kam sein Auto aber bald ins Schlingern und an der rechten Leitplanke zu stehen. Der Gutachter bestätigt, dass diese Darstellung völlig mit der vorgefundenen Spurenlage an der Unfallstrecke übereinstimmt.

Die verletzten Polizisten sind als Nebenkläger in dem Verfahren beteiligt. Sie haben beantragt, dass mit der Verurteilung von Damian S. dieser auch zur Zahlung eines Schmerzensgeldes an sie verpflichtet wird. Am kommenden Donnerstag wird das Landgericht Cottbus die Urteile sprechen.